Der kompakte SUV Haval H6 verkauft sich in China sehr gut. © Holger Holzer/SP-X

Der Haval H6 gehört zu den Beststellern des Jahres 2015 in China. Der kompakte SUV vom Zuschnitt eines Volkswagen Tiguan ist das erste Modell eines rein chinesischen Herstellers, das es auf dem weltgrößten Pkw-Markt in die Jahres-Top-Ten bis auf Rang drei geschafft hat. 373.200 Exemplare des Modells wurden laut China Daily im vergangenen Jahr zugelassen. Für den Hersteller des preisgünstigen Softroaders ist das mehr als ein Achtungserfolg. Vielleicht sogar der Beginn einer Zeitenwende.

In anderen bedeutenden Autoländern würde es nicht verwundern, wenn sich einheimische Hersteller in den Neuwagen-Charts oben wiederfinden. In Deutschland ist das sogar eher die Regel als die Ausnahme. In China jedoch dominieren seit Jahrzehnten westliche Marken über Joint-Venture-Unternehmen mit chinesischen Herstellern die Bestsellerlisten: VW etwa verkauft seit rund 30 Jahren die in Europa gefloppte Mittelklasselimousine Santana mit großem Erfolg im Reich der Mitte.

Aktuell ist der gemeinsam mit dem chinesischen Unternehmen SAIC gebaute Santana zwar nicht mehr das meistverkaufte Auto Chinas, mit 276.200 Neuzulassungen reichte es jedoch immerhin noch zu Rang 8. Bestseller von VW in China ist mittlerweile die Kompaktlimousine Lavida, 2008 als erstes Modell der Marke speziell für den chinesischen Markt geschaffen. Denn als Resterampe für alte Westmodelle funktioniert China seit Langem nicht mehr.

Bester Beleg ist der von General Motors und SAIC gebaute Wuling Hongguang, der sich nun das vierte Jahr in Folge als Chinas beliebtestes Auto bezeichnen darf. Der schmale Van ist chinesisch durch und durch. Er wurde speziell mit Blick auf die Erfordernisse der Kundschaft in den kleineren der zahlreichen Millionenstädte entwickelt. Dort, wo Praktikabilität mehr zählt als Prestige, dient der wendige Siebensitzer oft nicht nur als Familienauto, sondern gleichzeitig auch als Lieferwagen für Kleingewerbetreibende. Belohnt wurde der doppelte Nutzen 2015 mit 655.500 Neuzulassungen – und großem Abstand vor Rang zwei.

Bei SUVs dominieren inzwischen China-Marken

Trotz solcher Erfolge dürfen sich westliche Konzerne wie VW und General Motors in der Volksrepublik nicht zu sicher sein. Denn im wichtigsten Segment schwindet ihr Erfolg: bei den SUVs. Die legten in China im vergangenen Jahr im Gesamtmarkt um rund 50 Prozent zu – bei den chinesischen Herstellern allerdings um rund 80 Prozent. Der Marktanteil der reinen China-Marken liegt in dieser Klasse mittlerweile bei 54 Prozent, bei den klassischen Pkws beträgt er gerade mal 21 Prozent.

Zu den Profiteuren des Booms zählt eben auch der erwähnte Haval H6 des Herstellers Great Wall. Der kompakte SUV sieht bullig und modern aus, bietet viel Platz und ist vor allem bezahlbar. Umgerechnet 15.000 Euro kostet das Einstiegsmodell – ein VW Tiguan ist doppelt so teuer.

Für die westlichen Hersteller könnte in China also ausgerechnet der SUV-Boom, von dem sie in ihren Heimatländern profitieren, zum Problem werden. Sie bauen zwar die technisch anspruchsvolleren Offroader, aber eben auch die teureren. Das Marktwachstum findet jedoch nicht mehr in den Metropolen des Ostens statt, sondern vor allem in den hierzulande fast unbekannten Megastädten des Hinterlandes. Dort spielt das Prestige, das die westlichen Autobauer als Gegenwert für ihren Preisaufschlag bieten, keine große Rolle.

Allradantrieb und westliche Offroad-Technik benötigt dort kaum jemand. Die Kunden schätzen weniger die eh oft nicht vorhandene Geländegängigkeit, sondern vor allem das Gefühl von Sicherheit, das die bulligen Autos im Stadtverkehr zumindest suggerieren. Und das können die heimischen Hersteller auch ohne fremde Hightech-Expertise liefern.