Es war eine Reise in ein unbekanntes Land. In monatelanger Detailarbeit haben sich Experten des ADAC-Technikzentrums in die Elektronik zweier BMW-Modelle vorgearbeitet. Haben digitale Codes entschlüsselt und die Sprache übersetzt, mit der die Steuergeräte der Autos untereinander kommunizieren. Das Ziel dieser Odyssee durch das Datenlabyrinth: herauszufinden, welche Informationen über das Fahrverhalten und die Vorlieben der Autobesitzer die Mikrocomputer unterwegs speichern und was mit diesen Daten geschieht.

Das Projekt stand unter der Regie des europäischen Automobilclub-Dachverbands FIA, der Ende vorigen Jahres eine große Kampagne über den Datenschutz in vernetzten Autos gestartet hat. Das Motto der Aktion: "Mein Auto – meine Daten".

Für die ADAC-Experten ist das Thema nicht neu. Schon Anfang 2015 hatten sie gravierende Sicherheitslücken im Bordnetz moderner BMW-Modelle entdeckt und herausgefunden, dass der drahtlose Datentransfer mit einfachen Mitteln abgehört werden kann. Autodiebe hätten deshalb leichtes Spiel gehabt und Hacker hätten persönliche Informationen über die BMW-Fahrer ausspähen können, warnte der ADAC seinerzeit und kündigte weitere Untersuchungen über die Datensicherheit und den Datenschutz in modernen Autos an.

Diese Tests sind nun abgeschlossen. Ihre Ergebnisse stehen in einem 13-seitigen Bericht, der ZEIT ONLINE vorliegt.

Wozu die Zahl der Sitzverstellungen erfassen?

Viele der Daten, die von den Steuergeräten während der Fahrt aufgezeichnet werden, sind technischer Natur. Sie enthalten Angaben über die Funktionen und den Zustand der Autos, die möglicherweise für die BMW-Werkstätten von Interesse sind. Doch daneben gibt es offenbar auch andere Informationen, die der ADAC in seinem Bericht als "auffällige Daten" bezeichnet. Sie sind nach Ansicht der Datenexperten geeignet, Erkenntnisse über die BMW-Kunden und ihre persönlichen Gewohnheiten auszukundschaften. Die Verwendung solcher Daten "sollte mit dem Hersteller diskutierten werden", schreibt der ADAC. "Im Interesse des Verbraucherschutzes."

Als "auffällig" bezeichnet der Automobilclub, dass zum Beispiel an Bord des überprüften BMW 320d die Anzahl von Fahrtstrecken bestimmter Länge, die maximale Motordrehzahl je nach Kilometerstand, das vom Fahrer gewählte Programm des Automatikgetriebes sowie Auslösungen des Gurtstraffers "aufgrund starken Bremsens" gespeichert werden. Warum der Autohersteller solche Angaben aufzeichnet, bleibt rätselhaft. Der ADAC ist der Meinung, dass Informationen über die Speicherung der Streckenlängen oder die manuelle Bedienung des Automatikgetriebes geeignet sind, um Rückschlüsse auf den Fahrstil und das Nutzungsprofil zu ziehen.

Außerdem fanden die Techniker des Automobilclubs heraus, dass "einige Steuergeräte Verschleißdaten, wie die Betriebsstunden der Fahrzeugbeleuchtung oder Nutzungsdaten wie die Anzahl der Sitzverstellungen" erfassen. Solche Informationen würden automatisch an den Autohersteller geschickt, sobald das Auto in der Werkstatt an das BMW-Diagnosesystem angeschlossen werde.

Noch schneller und noch direkter erfolgt laut ADAC die Übertragung der Dateninhalte aus den Fehlerspeichern der Autos. Sie würden, schreibt der Autoclub, über den BMW-Dienst Connected Drive online direkt an die Autofirma übertragen, um eine Ferndiagnose zu stellen. Nur: Dahinter könnte womöglich ebenfalls eine Art Überwachungsfunktion stecken, mit der Garantieansprüche der Autobesitzer abgewimmelt werden. "Je nach gespeichertem Fehler wird damit auch ein nicht ordnungsgemäßer Umgang des Fahrers mit dem Fahrzeug dokumentiert, zum Beispiel bei zu hoher Motortemperatur oder -drehzahl", stellt der ADAC fest.

Als die europaweite FIA-Kampagne über Datenschutz im Auto startete und der ADAC-Bericht erschien, tat man in der BMW-Zentrale zunächst ratlos. Man kenne die Studie nicht und könne deshalb auch nichts dazu sagen, teilte die Pressestelle des Autoherstellers mit und war danach erst auf mehrmaliges Nachfragen zu einigen Auskünften bereit.