Wie viele Abgase ein Auto auf der Straße ausstoßen darf, ist umstritten. © Alexandra Beier/Reuters

Das EU-Parlament hat eine umstrittene großzügige Regelung für die künftige Messung von Autoabgaswerten auf der Straße gebilligt. 323 Abgeordnete – vor allem Konservative und Liberale – unterstützten den Vorschlag von EU-Kommission und Mitgliedstaaten; 317 Parlamentarier lehnten ihn ab. Der Entwurf macht solche Tests ab September 2017 zur Pflicht, er erlaubt aber, dass der gemessene Wert bis 2020 mehr als doppelt so hoch sein darf wie der offizielle, für die Labormessung geltende Grenzwert.

Danach dürfen die Emissionen auf der Straße immer noch um bis zu 50 Prozent über dem Laborwert liegen. Neue Diesel-Pkw dürfen seit September 2015 im Prüffahrzyklus höchstens 80 Gramm gesundheitsgefährdende Stickoxide (NOx) pro Kilometer ausstoßen. Die Abgasmessungen auf der Straße sollen vom September 2017 an für alle neuen Fahrzeugtypen gelten, von September 2019 an für alle neu zugelassenen Pkw.

Wie sehr der reale Wert vom Labor-Grenzwert abweichen darf, war unter den EU-Abgeordneten umstritten. Die Grünen lehnten die Vorlage ab, weil die geltenden Normen auf Kosten von Umwelt und Gesundheit deutlich verwässert würden. Konservative Abgeordnete warben dagegen für die Zustimmung zum Entwurf. Er sei zwar nicht ideal, bringe aber gegenüber der heutigen Lage eine deutliche Verbesserung, sagte CDU-Umweltexperte Peter Liese. Er hatte vor einer Ablehnung gewarnt, weil sonst die Gefahr bestehe, dass "erst mal gar nichts passiert".

Hintergrund des Vorhabens: Immer wieder stellten Untersuchungen fest, dass viele Autos unterschiedlicher Hersteller den offiziellen Grenzwert auf der Straße um teils ein Vielfaches überschreiten. So ergab eine Messung des Prüfinstituts TNO im Auftrag des niederländischen Umweltministeriums, dass ein Mercedes-Benz C 220 CDI BlueTec bei innerstädtischen Geschwindigkeiten 817 Milligramm NOx pro Kilometer ausstößt, also mehr als das Zehnfache der erlaubten Menge.

Nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur EEA sind in der EU jährlich 72.000 vorzeitige Todesfälle auf NOx und 403.000 auf Feinstaub zurückzuführen. Der Straßenverkehr – insbesondere der Dieselmotor – ist eine der Hauptquellen von NOx. Viele Städte leiden unter viel zu hohen Stickoxid-Konzentrationen in ihrer Luft. Darum hatten neben Umweltverbänden auch die Bürgermeister mehrerer europäischer Großstädte wie Paris, Madrid und Mailand die EU-Parlamentarier dazu aufgerufen, den Entwurf abzulehnen. Auch in Deutschland kämpfen viele Städte gegen die Luftverschmutzung. Besonders groß ist das Problem im Stuttgarter Talkessel. Vor zwei Wochen rief die Stadt darum "Feinstaub-Alarm" aus und bat Bewohner und Pendler aus dem Umland, ihr Auto stehen zu lassen.