Eine Radfahrerin in Hamburg © Daniel Reinhardt/dpa

Die Straßenverkehrsordnung schreibt vor, dass Autofahrer einen ausreichenden Abstand einhalten müssen, wenn sie überholen wollen (Paragraf 5, Absatz 4). Doch mit welcher Entfernung sollte man einen Radfahrer passieren?

"Der richtige Seitenabstand hängt grundsätzlich vom Einzelfall ab", sagt der Verkehrsrechtsanwalt Florian Schmidtke. "Bei Radfahrern hat der Überholende mit leicht schwankenden Fahrlinien zu rechnen. Das erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit, und der Seitenabstand sollte großzügiger ausfallen", sagt der Jurist.

Das gelte insbesondere beim Fahren bergauf: "Ansteigende Straßen bringen es erfahrungsgemäß mit sich, dass Radfahrer wegen der Anstrengung stärker schwanken als normalerweise", sagt Schmidtke. Auch wenn starker Seitenwind herrscht oder die Straßen glatt sind, müsse der Kraftfahrer vorsichtig überholen. Und ebenso beim Überholen von Rad fahrenden Kindern: "Hier muss der Autofahrer zusätzlich seine Geschwindigkeit anpassen, um jederzeit bremsbereit zu sein und ausweichen zu können."

Darauf weist auch explizit die Straßenverkehrsordnung (StVO) in Paragraf 3, Absatz 2a hin. Zwar sollte sich ein Kraftfahrer auch darauf verlassen können, dass das Kind ordnungsgemäß fährt. "Fahren Kinder in einer Gruppe Rad, muss jedoch immer damit gerechnet werden, dass sich einzelne nicht verkehrsgerecht verhalten", schränkt Schmidtke ein.

Generell gilt: "Lässt die Straße kein gefahrloses Überholen zu, sollte es unterbleiben", sagt Schmidtke. Der einzuhaltende Abstand hänge grundsätzlich von der konkreten Lage ab, dürfe aber einen Meter keinesfalls unterschreiten. So entschied auch das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt im Jahr 1981. "Im Zweifel sollten es 1,5 bis zwei Meter sein." Ignoriert der Kraftfahrer diese Regel, bekommt er bei einem Unfall Probleme. "Kommt es deshalb zu einem Unfall, haftet der Kfz-Halter alleine", erklärt Schmidtke. Allerdings weist der Fachanwalt auch darauf hin, dass Abstände von mehr als einem oder 1,5 Meter in der Stadt unrealistisch sind und ein Meter meistens ausreiche.

Besondere Umstände können einen höheren Seitenabstand erfordern. So forderte das OLG Hamm in einem Urteil vom 10. November 1992 einen Seitenabstand von 2,80 Metern, wenn ein Radfahrer links abbiegen möchte: Dieser könne nämlich ins Schwanken geraten, wenn er sich umdreht (Az.: 9 U 66/92).

Besonders aufmerksam muss ein Kraftfahrer sein, wenn sich ein Kind auf dem Rücksitz des Fahrrades befindet. Dann erhöht sich der seitliche Abstand auf mindestens zwei Meter. Allerdings muss auch der Radfahrer vorsichtiger fahren, denn er fährt möglicherweise unsicherer, weil er ein Kind transportiert.

Eine besondere Situation herrscht, wenn ein Autofahrer einen vor ihm fahrenden Radfahrer überholen möchte, der seinerseits ein parkendes Auto passiert. "Fährt der Radfahrer an Fahrzeugen entlang, die gerade anhalten oder linksseitig Insassen haben, und die Gefahr besteht, dass sie die Fahrzeugtür öffnen, wird vom Radfahrer verlangt, dass er mit seinem Rad einen entsprechenden ausreichenden Seitenabstand nach rechts einhält", erläutert Schmidtke. Weil auch der Kraftfahrer einen Mindestabstand zum Radler einhalten muss, sollte er besser warten, anstatt sich vorbeizudrängeln. "In solchen Situationen verbietet sich ein Überholen", sagt der Fachanwalt.