Menschen warten an einer roten Fußgängerampel. (Archivbild) © Franziska Kraufmann/dpa

Wie weit von einer roten Ampel entfernt muss ich über die Straße gehen, damit es nicht mehr als Delikt gilt? Oder gibt es eine Pflicht, den Fußgängerüberweg zu nutzen?, fragt ZEIT-ONLINE-Leser Yann Fürst.

Die Sache klingt zunächst einfach: Der Wirkungsbereich der Ampel beträgt fünf Meter, in diesem Bereich darf auch nicht geparkt werden. "Auf eine Entfernung von fünf Metern sehen Fußgänger auch das Lichtzeichen noch", sagt der Verkehrsrechtsexperte Florian Schmidtke. "Ein Rotlichtverstoß liegt folglich vor, wenn Fußgänger in einem Bereich von bis zu fünf Metern neben einer Fußgängerfurt die Straße überqueren und dabei das Rotlicht missachten." Gemessen werde dabei ab der gestrichelten Linie des Übergangs für Fußgänger.

Wer bei einem Abstand über fünf Meter von einer roten Ampel entfernt über die Straße geht, verstößt also nicht gegen die Wartepflicht. Jetzt kommt das große Aber: "Dann kann allerdings ein Verstoß gegen das Gebot zur Benutzung von Fußgängerüberwegen oder Fußgängerfurten vorliegen", warnt Schmidtke. Das regelt Paragraf 25, Absatz 3 der Straßenverkehrsordnung (StVO). "Danach haben Fußgänger die Straße an Fußgängerüberwegen oder innerhalb der Markierung der Fußgängerfurt zu überqueren."

Die beiden juristischen Fachbegriffe sind in der Verwaltungsvorschrift zur StVO festgehalten: Als Fußgängerfurt wird der markierte Übergang mit einer Ampel bezeichnet, Fußgängerüberwege sind umgangssprachlich als Zebrastreifen bekannt.

"Fußgänger dürfen den Fahrverkehr auf der Fahrbahn nicht behindern", erklärt Schmidtke die Regel. Deshalb sollten Fußgänger grundsätzlich an den für sie am wenigsten gefährlichen Stellen eine Straße zu überqueren, also an Kreuzungen, Einmündungen sowie an Fußgängerübergängen mit oder ohne Ampeln. Das gilt insbesondere für gebrechliche und körperlich behinderte Fußgänger, wie das Oberlandesgericht (OLG) Hamm in einem Urteil entschieden hat. Auch wegen ungünstiger Sichtverhältnisse oder an einer vielbefahrenen Straße ist es für Fußgänger sicherer, einen markierten Fußgängerübergang zu nutzen.

Doch welche Distanz bis zum nächsten markierten Übergang ist einem Fußgänger rechtlich zuzumuten?

"Wer eine Großstadtstraße bei starkem Verkehr an einer Stelle überschreitet, die nur 30 Meter von einem Fußgängerüberweg (OLG Hamm) oder 40 Meter vom nächsten Ampelübergang entfernt ist, ist an einem ihm zustoßenden Verkehrsunfall (mit-)schuldig", warnt Schmidtke. "Grob fahrlässig handelt auch, wer bei Dunkelheit, Regen und lebhaftem Verkehr in dunkler Kleidung die Fahrbahn 20 Meter vor der ampelgesicherten Fußgängerfurt überschreitet."

So haben die Richter in Hamm entschieden, dass ein Autofahrer, der sich bei Grün einer Fußgängerfurt nähert, grundsätzlich darauf vertrauen darf, dass Fußgänger der ihnen durch Rot gebotenen Wartepflicht nachkommen. "Dagegen können Fußgänger an einem Zebrastreifen nicht blindlings darauf vertrauen, dass der Fahrzeugverkehr deren Vorrang beachtet", sagt der Verkehrsrechtsanwalt.

Für die Wahl des Übergangs sind also die jeweiligen Umstände entscheidend. Nach den Verkehrsverhältnissen im Einzelfall richtet es sich, bis zu welcher Entfernung vom Fußgängerüberweg, von einer Kreuzung oder Einmündung das Überschreiten der Fahrbahn tabu ist. "Manchmal kann es sogar notwendig sein, dass ein Fußgänger einen 200 Meter entfernten Fußgängerüberweg benutzen muss, wenn eine anderweitige Überquerung der Fahrbahn nach Sachlage bedrohlich ist", sagt Schmidtke.