Alte Ersatzteile auf einer Oldtimermesse (Archivbild) © Boris Horvat/AFP/Getty Images

Suchen Sie nach einem günstigen Frontscheinwerfer für einen Dreier-BMW der vorletzten Generation? Bei der Antwort auf diese Frage werfen viele Besitzer des betagten Modells einen Blick in eine finstere Welt: Dubiose Hinterhof-Werkstätten bieten Ersatzteile aus unbekannter Herkunft an, zuweilen sind gefälschte Produkte im Verkehr – und andere Autobesitzer wühlen gleich auf dem Schrottplatz nach dem neuen Auge für den alten BMW.

Der Grund für die Odyssee in die Untiefen der Ersatzteilbeschaffung? Neue Ware aus der Vertragswerkstatt ist oft zu teuer. "Schon wenn ein Modell gerade ausgelaufen sind, geht der Preis für Ersatzteile oft um 100 Prozent hoch", sagt Patrick Wiedemann. Sein Unternehmen Reverse Logistics Group (RLG) kennt sich aus, es organisiert für mehrere deutsche, japanische und französische Hersteller bereits seit Jahren die Entsorgung und Wiederaufbereitung wertvoller Altteile wie etwa dem Blei aus Batterien.

Wiedemann ist nicht nur für die Autoindustrie tätig, sondern arbeitet auch für große Versand-Kaufhäuser oder Firmen aus der Informationstechnologie. Und dabei geht sein Job wesentlich weiter: Zurückgesandte Smartphones, alte Fernseher oder ein paar Jahre gelaufene Computer werden von der RLG begutachtet – und teilweise oder wieder ganz in einen neuwertigen Zustand gebracht. Solche sogenannte Refurbished-Ware ist für Laptops, Tablets oder Handys sehr beliebt. Klar, sie kostet ja viel weniger.

Dieses System bietet Wiedemann derzeit mehreren seiner Partner aus der Autoindustrie an. Für manche Hersteller ist das Konzept nicht neu. So bietet etwa VW seit Jahrzehnten auf Wunsch wiederaufbereitete Ersatzteile statt Neuware an. Die Wolfsburger gehen bei den lieferbaren Teilen inzwischen weit über Zylinder, Kraftstoffpumpen und Vergaser hinaus, mit denen das Angebot für den sparsamen Kunden einst startete. Aber trotz 16.000 inzwischen lieferbarer Refurbished-Teile klaffen noch immer große Lücken im Angebot.

Generalüberholung mit System

Andere Hersteller bieten deutlich weniger an. Vor allem Premium-Autobauer beschränken sich oft auf teure Großteile wie ganze Motoren, Generatoren, Wasserpumpen oder Automatikgetriebe. Denn bei denen lohnt sich der Aufwand für Ausbau und Wiederaufbereitung – und obendrein ist bei diesen Kapitalschäden das preiswerte Refurbished-Angebot oft die einzige Chance für eine Markenwerkstatt, mit den Angeboten der freien Schrauber und ihren Ersatzteilen aus verschiedensten Quellen zu konkurrieren.

Doch ein mehr oder minder lückenhaftes Basis-Angebot an "bis zu 40 Prozent" (VW) oder gar 50 Prozent (Opel) billigeren wiederaufgearbeiteten Ersatzteilen reicht nicht aus. "Inzwischen sind ja gerade bei der Fahrzeugelektronik, Turboladern, Lampen oder Interieur-Elementen die Ersatzteile enorm teuer", sagt Wiedemann. Wo lasse sich etwa bei einem neueren Modell noch die einzelne Scheibe eines Scheinwerfers wechseln?

Darum hat sein Unternehmen das System einer kompletten Resteaufbereitung aufgebaut, mit der künftig für fast alle Ersatzteile generalüberholte Teile angeboten werden können; sogar Altautos aus den USA könnte sein Unternehmen gezielt aufkaufen, um anderswo auf der Welt ausreichend Ersatzteile wiederaufzubereiten.

Die flächendeckende Versorgung mit solchen Refurbished-Teilen reduziert die Kosten bei den Herstellern enorm. "Allein aus einem einzigen Werk eines großen deutschen Premium-Herstellers werden jedes Jahr 75 Millionen Ersatzteile versandt", sagt Wiedemann. Da könnte das konsequente Ausschlachten von Altautos die Vorratshaltung in den Zentral-Lagern der Hersteller deutlich entlasten.

Und manchmal würde die gezielte Wiederaufbereitung wohl auch Leben retten, meint Wiedemann. Denn seine weltweit tätigen Wiederaufbereiter wissen von manch einer Gegend, wo Kunden halb verschlissene Altteile aus Schrottautos als Neuware untergejubelt werden. Dann lieber refurbished – mit Qualitätsgarantie.