Das Hardfour von Haibike ist ein E-Mountainbike für Kinder. © Hersteller

Der Himmel ist grau, und es ist kalt. Skeptisch steht meine Tochter am Fuß des Sandbergs und blickt hinauf. Sie ist neun Jahre alt und weiß recht gut, was sie im Gelände kann und was nicht.

Normalerweise würde sie etwa auf halber Höhe absteigen, aber heute ist sie mit einem E-Mountainbike für Kinder unterwegs. Sie steigt auf und tritt in die Pedale. Scheinbar mühelos fährt sie mit dem 24 Zoll großen Hardfour Life von Haibike am Rand der Sandkuhle die Steigung hinauf. Oben angekommen strahlt sie und jagt ihrem Bruder hinterher.

Radfahren mit Motor macht Spaß. Rund 2,5 Millionen Elektrofahrräder sind inzwischen auf den Straßen unterwegs. Wie viele davon Mountainbikes sind, ist unklar. Die einzelnen E-Bike-Arten werden vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) noch nicht statistisch erfasst. Aber auch beim E-MTB gilt wie für den Rest der Sparte: Radfahren mit Motor boomt.

Bei der Ausstattung von Kindern mit E-Mountainbikes gehen die Meinungen jedoch sehr auseinander. Frauke Wilhelm, Sportpsychologin am Olympiastützpunkt Hannover, plädiert für einen wohlbedachten, gezielten Einsatz von Elektrofahrzeugen bei Kindern. "Kinder lernen über den Spaß an der Bewegung", sagt sie. Beim Sport entwickeln sie ihre Stärken, weil sie Ziele erreichen wollen: So schnell sein wie der Bruder, den Berg aus eigener Kraft hochfahren oder jedes Mal ein bisschen weiter kommen, das motiviert sie. So entdecken und spüren sie ihre Grenzen und können sie mit der Zeit immer weiter setzen.

Deshalb findet Wilhelm ein Rad mit Motor für eine mountainbike-affine Familie kontraproduktiv. Sie erklärt das so: Die Kinder gewöhnen sich an die Unterstützung. Deshalb strengen sie sich weniger an, als sie es mit einem herkömmlichen Rad tun würden. Sollen sie plötzlich wieder ohne Motor unterwegs sein, wird eine bekannte Tour um ein Vielfaches anstrengender. "Das ist demotivierend", sagt sie. Eine mögliche Folge: Auf der nächsten Tour ohne Motor verlieren sie die Lust.

Die Chance, interessantere Routen zu fahren

Die österreichische Marke KTM dagegen findet: Die Kinder sollten als Erstes ein E-Bike bekommen, um mit den Erwachsenen und der Gruppe gleichziehen zu können. "KTM geht es um die Harmonisierung der Ausflugsgruppe", sagt Stefan Limbrunner, Head of Sales and Marketing.

Aber was sind die Folgen? Der Motor verwöhnt die Kleinen. Er versüßt nicht nur das Fahren, indem er die Belastungsspitzen kappt, er sorgt auch für mehr Spannung auf der Tour – und zwar für die ganze Familie –, weil sie interessantere Routen wählen kann.

Das haben wir im Wortsinn erfahren. Unsere Tochter ist Steigungen und verblockte Passagen hinaufgesaust, die sie ohne Motor nie geschafft hätte. Wir hatten als Familie bedeutend mehr Spaß im Gelände. Wir fuhren längere Passagen am Stück, unser älterer Sohn musste nicht ständig warten, und wir kamen alle ins Schwitzen.

Allerdings hatte die Kleine es mit dem Hardfour nicht nur leichter, sie lernte auch Fahrtechnik auf den Touren. Manche Passage fuhr sie zum Üben drei bis vier Mal hinauf. Anfangs hoch konzentriert. Dann mit immer mehr Spaß und Zutrauen. Der große Vorteil: Sie konnte die Abschnitte häufiger fahren, weil sie nicht so viel Kraft aufwenden musste. Sie konnte sich komplett auf den Weg konzentrieren. Hier sieht Sportpsychologin Frauke Wilhelm auch das Potenzial der elektrifizierten Kinder-MTBs: als Trainingsgerät für eine Technikeinheit.