In Berlin ist er die Rampensau unter den Verkehrsaktivisten. Heinrich Strößenreuther kann wie kein Zweiter dröge Themen wie Falschparken und bessere Fahrradwege medienwirksam auf der Straße inszenieren. Die Aktionen des ehemaligen Bahn-Managers und Greenpeace-Campaigners sind umstritten, aber er verschafft dem Thema Radverkehr große Relevanz in Politik und Presse.

Seit November 2015 gibt es für den selbstständigen Verkehrsberater nur noch ein Thema: den Volksentscheid Fahrrad in Berlin. Es ist sein verkehrspolitisches Baby, mit dem Volksentscheid ist dem smarten Endvierziger der große Coup geglückt. Wird der Volksentscheid ein Erfolg, wäre das ein Novum In der Radverkehrspolitik, denn die zehn Ziele des Entscheids sind an einen straffen Handlungsrahmen geknüpft.

Medien nicht nur in Berlin berichten über den Volksentscheid und den Entwurf eines Fahrradgesetzes für Berlin. Es läuft gerade gut für Strößenreuther. Das war nicht immer so. Für sein erstes eigenes Verkehrsprojekt bezog er im Herbst 2013 noch ordentlich Prügel. Damals startete er eine Crowdfunding-Kampagne für eine App namens Straßensheriff. Damit sollten Radfahrer via Smartphone falsch parkende Autos ermahnen oder direkt per Fingertipp mit Foto und GPS-Daten bei der Polizei oder dem Ordnungsamt anzeigen.

Das kam nicht gut an. "Petzer, Pranger, Denunziant, Blockwart 2.0", schimpften die Kritiker. Strößenreuther analysierte die Kritik und besserte nach. Aus Straßensherriff wurde Wegeheld und statt Anzeige sollte jetzt nur das Falschparkerfahrzeug mit geschwärztem Nummernschild im Netz veröffentlicht werden.

Doch das reichte nicht. Die Finanzierung scheiterte. Strößenreuther musste handeln. Er fühlte sich auf der richtigen Seite, bei den Guten. Schließlich engagierte er sich für die Schwachen der Gesellschaft. Für Kinder, Alte, Behinderte und all die, die nicht ohne Weiteres vom Rad- oder Fußweg auf die Straße ausweichen können. Also nahm er 30.000 Euro von seinem Konto und bezahlte die App selbst.

Kampagnen gegen Falschparker

Es war ein kluger Schachzug. Zwar war die App ein Rohrkrepierer, aber sie war auch sein Türöffner. Mit einem Schlag kannte man in jeder relevanten Redaktion der Republik den unbekannten Verkehrsberater aus Berlin. Seitdem startet er mit schöner Regelmäßigkeit neue Aktionen auf Berlins Straßen. Mit einer Berliner Hochschule hat seine Initiative Clevere Städte berechnet, welches Fahrzeug in der Hauptstadt wie viel Platz bekommt und einen sogenannten Flächen-Gerechtigkeitsreport erstellt.

Wenige Monate später folgte seine Petition "Machen Sie das Zuparken teurer, Herr Verkehrsminister". Sie basierte auf dem Knöllchen-Report seiner Agentur, der zeigte: Deutschland ist ein Schlaraffenland für Falschparker. Fast überall in Europa ist Falschparken teuer als hier. Auch diese Petition war ein Flop. Gerade mal 8.000 Menschen haben sie unterzeichnet. Für Strößenreuther waren die Zahlen zweitranging. Er dachte weiter, er sah die Resonanz. "Falschparken wird in den Medien nicht mehr als Kavaliersdelikt gewertet, sondern als unsoziales Verhalten", sagt er. Diesen Wertewandel schreibt er seinen Aktionen zu. Das motiviert ihn, das treibt ihn an.

Jedoch kommt seine Art nicht immer gut an. "Wenn man nicht seiner Meinung ist, vermittelt er einem das Gefühl, man habe es noch nicht verstanden", sagt ein Journalist. Die leicht moralinsaure Art und Argumentation stößt auch einigen Vertretern aus Verbänden und der Radszene in Berlin auf. Er liefere zwar pointierte und provokative Schlagzeilen, argumentieren sie. Das bringe aber die politische Debatte nicht weiter.