Pendlerströme

Wo die Deutschen zur Arbeit fahren.

Hach, ist das beruhigend. "Millionen Kunden reisen seit April 2013 mit den Fernverkehrszügen der DB AG innerhalb Deutschlands CO2-frei." Und tatsächlich: Auch auf meiner Bahncard 100 schimmert es sanft durch: 100 % Ökostrom. Die Bahn selbst schreibt, dass folgende Kundengruppen erneuerbare Energie im Gepäck haben: Bahncard-Kunden, Inhaber einer Streckenzeitkarte und Teilnehmer des Firmenprogramms bahn.business (alle anderen Mitfahrer können für einen Euro das Angebot Umwelt-Plus dazu buchen).

Nur eine Frage bleibt offen: Wenn ich – wie jetzt gerade – im ICE 685 von Hamburg nach München  unterwegs bin, womit fährt dann der Spanier, der gerade zugestiegen ist? Der hat, ich habe es selbst gesehen, ein ganz normales Ticket. Fährt der mit Kohlestrom und ich färbe – je länger ich neben ihm sitze – ein wenig grün auf ihn ab? Wenn alle Bahncard-Fahrer plötzlich aussteigen, wird der Zug dann schmutzig?

Es ist wie immer mit der Deutschen Bahn: Wer anfängt sich mit ihr zu beschäftigen, steht vor bahnhofshallengroßen Rätseln.

Gehen wir doch mal zum Anfang. 2013 durften – surprise, surprise – Fernbusse plötzlich von A nach B fahren. Doch anders als ihre Kunden war die Bahn ziemlich überrascht über den plötzlichen Ansturm auf die Busse. Also ging die Bahn auf Kundenfang und appellierte an das gute Gewissen der Reisenden.

Dazu muss man jedoch wissen, dass ein vollbesetzter Bus besser für die Umwelt sein kann als ein halb leerer ICE. Die Bahn selbst betonte noch im März dieses Jahres, dass eine Reise im Fernverkehr durchschnittlich zwölf Gramm CO2-Emissionen je Personenkilometer verursacht. Eine Kaffeefahrt im Reisebus blase doppelt so viel CO2 in die Luft, ein Auto zehnmal mehr und ein Flugzeug 16-mal so viel. Es gibt jedoch auch andere Zahlen. Das Verbraucherportal myclimate beispielsweise berechnet, dass Reisende für einen Bahnkilometer 0,3 Cent Umweltkosten – etwa für Aufforstungsprogramme – zahlen sollten, damit das Klima nicht geschädigt wird. Fernbusnutzer sollten 50 Prozent weniger zahlen, nämlich 0,2 Cent je Kilometer.

Auch der Verkehrsclub Deutschland hat voriges Jahr Bus, Bahn und Auto verglichen. Das Ergebnis: Ein Auto bläst pro Personenkilometer umgerechnet knapp 140 Gramm CO2 in die Luft, die Eisenbahn im Nahverkehr 72 Gramm, im Fernverkehr immer noch 43 Gramm. Und der Fernbus? Den hat das Umweltbundesamt, von dem die Zahlen stammen, bis heute nicht untersucht. Reisebusse, die mit den Fernbussen am ehesten vergleichbar sind, lagen jedoch bei 30 Gramm CO2 je Personenkilometer.

Für mich als Langstreckenpendler bedeutet das: Auch wenn die Bahn ihren Ökostromanteil wie angegeben gegenüber 2013 verdreifacht hat, bin und bleibe ich selbst mit der schönsten Bahnbilanz ein Klimaschwein. Tag für Tag fahre ich 360 Kilometer, das entspricht mindestens 4,3 Kilogramm CO2. Das ist so viel wie die Heizung einer kleinen Wohnung am Tag verursacht.

Immerhin in einem habe ich mich gebessert. Meinen Kaffee trinke ich aus einem Thermobecher. Das hat nicht nur zur Folge, dass ich im Laufe des Jahres weniger davon beim Einsteigen in den Großraumwagen auf fremde weiße Hemden kleckere, es sorgt auch für deutlich weniger Müll.

Oft waren es zwei Kaffeebecher pro Tag. Damit lag ich voll im Trend. Die Deutsche Umwelthilfe schätzt, dass allein in Deutschland stündlich 320.000 Einwegbecher weggeschmissen werden, im Jahr 2,8 Milliarden Stück. "Eine zunehmende Mobilität der Lebensstile und die ständige Erreichbarkeit durch neue Kommunikationstechnologien verhalf dem Coffee to go ab dem Jahr 2000 zu seinem endgültigen Durchbruch in Deutschland und Europa." Die geschätzte Lebensdauer wiederum ist 15 Minuten lang und damit noch zehn Minuten kürzer als die einer Plastiktüte.

Es spricht also einiges dafür, sich zum Arbeiten gar nicht erst aus seiner Wohnung oder seinem Haus zu bewegen. Warum sich nach wie vor aber nur die wenigsten Pendler ans Homeoffice gewöhnen, beschreibe ich nächste Woche in unserer Serie Rushhour.

Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen beim Pendeln. Wie lange dauert Ihr Weg zur Arbeit? Mit welchem Verkehrsmittel legen Sie den Weg zurück? Und wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Situation als Pendler? Wir freuen uns hier auf Ihre Antworten.