Wie dumm können Menschen sein? Da schreibe ich also ein Sachbuch über das Pendeln, lege dar, warum Pendeln Millionen Arbeitnehmer unglücklich macht, wie sich Pendler ihre Gesundheit ruinieren und ihre Beziehungen gleich mit. Und dann? Beginne ich nach zwei Jahren Homeoffice einen Job in Hamburg und lebe in Hannover, werde also zum Tages- und Langstreckenpendler. Statistisch gesehen stieg damit die Gefahr einer Scheidung um 16 Prozent. Ebenso die Gefahr für Bluthochdruck und Rückenprobleme.

Pendlerströme

Wo die Deutschen zur Arbeit fahren.

Tatsächlich habe ich die ersten Monate verflucht. Das war meine Lebenssituation: eine zweijährige Tochter, eine hochschwangere Frau, die sich als Lehrerin sehr wohl an ihrer Schule fühlt und in fünf Minuten von der Wohnung im Klassenzimmer ist. Umzug erst mal ausgeschlossen. Mal gucken, ob sich das Leben nicht doch einpendelt.

Dann kam die WM. Es kamen: deutsche Gruppenspiele im internetfreien ICE. Es kamen: Bahnstreiks und Rekordfahrten (einmal brauchte ich für die einfache 180 Kilometer Fahrt mit dem Auto fünf Stunden). Es kamen: Streits mit der Frau um nichts und Nichtigkeiten. So konzentriert Pendler bei der Arbeit sein können, so fahrig und nachlässig können sie daheim sein. Müdigkeit, Gereiztheit, Unausgeglichenheit sind uns oft treu.

Und dann kamen unsere Zwillinge zur Welt und ich blieb 13 Monate zu Hause.

In der Elternzeit habe ich mir eines geschworen: Wenn ich tatsächlich wieder mit dem Pendeln beginne, dann muss ich anders pendeln. Die gleichen Wege, aber in einer anderen Stimmung.

Ich sollte versuchen, die Fahrten nicht als Zwang zu verstehen, sollte mich nicht ausgeliefert fühlen, sondern vielleicht sogar entspannen.

Es gibt Nachbarn im Großraumwagen, die einem dies nicht so einfach ermöglichen, ich wies darauf vergangene Woche dezent hin: Schulklassen (schlimm!), Kegelclubs oder Proseccodamen (schlimmer!) und Fußballfans auf dem Weg zum Auswärtsspiel (die Hölle!). Aber ohne diese Nachbarn kann Pendeln erträglich werden, drei Dinge vorausgesetzt.

1. Der Pendler ist flexibel: Wenn ich einen Zug verpasse, nehme ich den nächsten; wenn meine Arbeit im Büro getan ist, fahre ich nach Hause. Überstunden muss ich nicht künstlich sammeln, sie kommen von ganz allein. Wenn ich morgens um 9 Uhr einen Laden aufschließen muss, ist eine verspätete U-Bahn vielleicht schon ein Weltuntergang, Gleitzeit hingegen erleichtert das Leben ungemein.

2. Der Arbeitgeber ist entspannt: Wer bei Verspätungen schweißgebadet in der Firma anruft, aus Angst, der Chef kommt gleich durchs Telefon, den kann ein Böschungsbrand oder ein Stau nicht kaltlassen. Es ist also nötig, dass der Arbeitgeber oder zumindest der tägliche Vorgesetzte Bescheid weiß über das Pendlerleben und dafür auch ein gewisses Verständnis zeigt. Zehn Minuten früher raus aus dem Büro, kann eine Stunde mehr Freizeit sein, wenn man den bestimmten Zug noch erwischt oder die Rushhour umfährt.