Pendlerströme

Wo die Deutschen zur Arbeit fahren.

Fast vier Monate ging es gut. Dann passierte es doch. An einem Freitag im April begann ich den Weg zur Arbeit wieder zu verfluchen. Der ICE 1188 passierte um 10:13 Uhr gerade Buchholz in der Nordheide und ich realisierte, dass ich die Themenkonferenz, die um 10 Uhr in Hamburg beginnen sollte, verpassen werde. Es war das erste Mal seit Monaten, dass wir uns nicht um 12 Uhr, sondern um 10 Uhr trafen. Leichtfertig stieg ich in einen Zug, der um 9:53 Uhr am Hauptbahnhof sein sollte.

Doch schon Minuten nach der Abfahrt in Hannover zerplatzte der Traum von Pünktlichkeit in der knarzenden Durchsage, die einen Personenschaden und eine weiträumige Umleitung verkündete.

Da war ich endlich wieder angekommen im Pendleralltag. Er ist geprägt von Fahrplan-Apps und Routenplanern, Gleiswechseln und Umleitungen,  von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Ausgeliefert ist man in der Bahn nicht nur dem Fahrplan, sondern auch den Mitreisenden. Im ICE heißt das Freitagmorgens um 9 Uhr, dass die Luft von süßem und warmem Billigprosecco und dem aufgeregten Geschnatter von Frauen jenseits der 40 geschwängert ist.

Das sind die Morgen, wo das Gefühl wieder überhand gewinnt, dass dieses Pendlerleben nun langsam mal ein Ende haben muss. Aber dieses Jahr ziehe ich das noch durch.

So geht das bei mir seit 2008. Erst zwischen Hannover und Brüssel. Seit 2014 bin ich einer von 6.000 Tagespendlern, die von Hannover nach Hamburg fahren. 2015 hatte ich Elternzeit, nur hat die mich nicht zur Besinnung gebracht. Aber doch zum Nachdenken. Ist es wirklich so viel lebenswerter, eine große Altbauwohnung mitten in der Stadt zu haben und dafür täglich vier Stunden unterwegs zu sein?

Doch die Routine hat einen schnell wieder. Den Weg von der Haustür bis zur Redaktion erlebe ich wie in einem Tunnel. Ich schaue am Gleis nicht auf den Wagenstandsanzeiger, sondern suche den Logistikprofessor, der stets dort steht, wo sich die Tür zum Bahncomfort-Wagen öffnet. Auch er hat als Pendler 2015 überlebt. Und so geht es mehr und mehr Deutschen. 1900 pendelte jeder Zehnte in eine Nachbargemeinde, heute sind es sechs von zehn. Jahr für Jahr werden es mehr. Ich werde in den nächsten Wochen auf ZEIT ONLINE dieses Leben zwischen Familie und Beruf, Großstadt und Dorf, Nah- und Fernverkehr beschreiben.

Aufschreiben werde ich die Texte ausschließlich in der Bahn. Am Ende will ich Antworten geben, wen Pendeln krankmacht, wer davon profitiert, was es kostet und ob es mit dem Auto nicht doch schneller geht.

Die große Frage aber können wir nur gemeinsam lösen: Warum tun sich Millionen Menschen dieses Leben an? Füllen Sie dazu einfach unseren Fragebogen aus: Welche Strecke pendeln Sie zur Arbeit? Seit wann machen Sie das schon und vor allem warum? Für ZEIT ONLINE werden wir die Daten auswerten und analysieren. Das Ausfüllen dauert nur eine kurze U-Bahn-Fahrt. Welche Pendlerströme Deutschland in Bewegung halten, können Sie in diesen Grafiken sehen. Nächsten Montag gebe ich Überlebenstipps, an die ich mich selbst viel zu selten halte – die das Leben aber um Jahre verlängern können.