Der Trend zum Fahrrad ist seit Jahren ungebrochen, doch die wachsende Zahl von Radfahrern stellt die Verkehrsplaner vor Herausforderungen. Die Radfahrer selbst und alle anderen Verkehrsteilnehmer müssen sich aber ebenso dem Wandel stellen. Das gilt selbst in Kommunen, die als Musterstädte des Radverkehrs gelten.

In Deutschlands Fahrradhauptstadt Münster beispielsweise arbeitet man seit vielen Jahren daran, die Strecken für Radfahrer attraktiver und sicherer zu gestalten. Mittlerweile werden in Münster 40 Prozent der Fahrten per Fahrrad erledigt, Tendenz steigend. Das Radwegenetz der Stadt ist mittlerweile auf 450 Kilometer ausgebaut, wie Stephan Böhme vom Amt für Stadtentwicklung in Münster berichtet. Dabei wurden die Radwege im Lauf der Jahre verbreitert, und auch die Kanten zwischen Fuß- und Radweg wurden entfernt.

Auf den Autofahrspuren in Münster gibt es häufig große rote Radfahrstreifen. Die Stadt gab zudem Einbahnstraßen für Radfahrer in beide Richtungen frei; viele Straßen wurden verkehrsberuhigt und zu Fahrradstraßen deklariert. Auch hat man Fahrradschleusen vor Ampeln angelegt, an denen Fahrräder an Autos vorbei in vorderster Reihe von den Ampeln starten können. So werden Radfahrer nicht an den Rand gedrängt.

Aufklären und Umbauen

Sehr erfolgreich war Münster mit einer trickreichen Lichtkampagne: Radfahrer, die bei Verkehrskontrollen ohne Licht erwischt wurden, mussten sich zugleich einer Alkoholkontrolle unterziehen. Das hat sich rumgesprochen und heute gibt die Stadt stolz eine Lichtquote von 98 Prozent an. Außerdem gibt es eine offene Fahrradwerkstatt, die dabei hilft, die Verkehrstüchtigkeit von Rädern zu verbessern.

Glückliches Münster? Nicht ganz. Verkehrsplaner Böhme sieht einige Probleme, die angegangen werden sollen. Bei allen Verkehrsteilnehmern sei die Akzeptanz der Verkehrsnormen gering, sagt er. Außerdem konstatiert Böhme bei Radfahrern ein mangelndes Gefahrenbewusstsein und vermisst Kommunikation zwischen unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern. Auch angesichts der wachsenden Bevölkerung der Stadt erfordert der Erfolg neue Maßnahmen. Neuankömmlinge hätten Unkenntnis darüber, wie man sich als Radfahrer in Münster verhält, sagt Böhme.

Die Stadt setzt hier zum einen auf Aufklärungskampagnen, zum anderen soll der Umbau von Verkehrswegen dazu dienen, Autofahrer und Radfahrer stärker füreinander zu sensibilisieren. Neuerdings werden zum Beispiel gezielt Lkw-Fahrer und Radfahrer auf die Gefahren des Toten Winkels aufmerksam gemacht. Schilder weisen explizit auf das Problem hin; an Kreuzungen wurden zudem Spiegel montiert, die Lkw-Fahrern eine bessere Übersicht ermöglichen.

Ein anderes Beispiel: Um die Altstadt gibt es auf dem alten Befestigungsring eine Ringstraße, die dem Radverkehr vorbehalten ist. Diese sogenannte Promenade kreuzt immer wieder Autostraßen, auf denen Pkw Vorfahrt haben. Darauf werden Radfahrer durch Markierungen und Schilder besonders aufmerksam gemacht. Gleichzeitig ist der Bereich der Straße, den die Radfahrer überqueren müssen, auch für Autofahrer gut sichtbar hervorgehoben, damit sie dort entsprechend vorsichtiger fahren.

Infrastruktur, die zum Radfahren einlädt

Münster will auch in Zukunft viel Aufwand betreiben, die Situation für Radfahrer weiter zu verbessern. Unter anderem arbeitet die Stadt an einem Schnellwegenetz für Pendler, die dann vor allem mit Pedelecs recht entspannt auch längere Strecken abspulen könnten. Ein Vorteil dieser Strategie: Die Innenstadt wird noch stärker vom Autoverkehr der Pendler entlastet und die Bevölkerung noch stärker zum Radeln motiviert. Die hohe Radnutzungsquote zahlt sich für die Bevölkerung aus: Herzkreislauferkrankungen sind in Münster seltener als in anderen deutschen Städten.

Gerade den Gesundheitsaspekt sieht auch Franz Linder vom Kölner Planerbüro Südstadt als einen besonders großen Anreiz, die Infrastruktur für Fahrräder massiv auszubauen. Seine Vision ist die einer maximal fahrradfreundlichen Stadt. Der Fachmann fordert eine "bewegungsaktivierende Infrastruktur" und eine "Transformation der Straße, die zu sehr auf das Auto ausgelegt ist".

Großes Potenzial, die Fahrradnutzung attraktiver und sicherer zu machen, sieht Linder vor allem im Ausbau kommunaler und regionaler Radschnellwege. Solche – sechs Meter breit und gut ausgebaut – würden die Fahrradnutzung allgemein erhöhen, sagt er. Besonders Pendler und der Lastenverkehr könnten hiervon profitieren. Der Ruhrradschnellweg RS1, der derzeit gebaut wird, ist ein Schritt in diese Richtung. Wirklich richtungsweisend sind nach Ansicht von Linder allerdings fahrradfreundliche Verkehrskonzepte im Ausland, etwa in Kopenhagen. Ein vergleichbar radikales Umdenken wünscht sich Linder auch für Deutschland.