Rund 20 Stunden haben Volkswagen und der Zulieferer Prevent verhandelt. Jetzt steht die Einigung: Die beiden Prevent-Töchter ES Automobilguss und CarTrim liefern ab sofort wieder Getriebeteile beziehungsweise Sitzbezüge an VW. Der Wolfsburger Autohersteller kann seine Produktion rasch wieder aufnehmen, das Thema Kurzarbeit ist vom Tisch. Über die Einzelheiten ihrer Einigung haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Klar scheint aber, dass es eine längerfristige Partnerschaft geben soll.

Der Fall macht deutlich, wie abhängig die großen Autokonzerne von ihren Lieferanten sind. Rund 75 Prozent eines Autos werden inzwischen von Zulieferfirmen produziert: Getriebe- und Karosserieteile, Stoßstangen, Scheinwerfer oder Bordnetze. Allein bei der Produktion des wichtigsten VW-Modells Golf sind laut Christoph Feldmann vom Branchenverband BME etwa 500 Lieferanten beteiligt.

In der Vergangenheit war vor allem die umgekehrte Abhängigkeit – die der Zulieferer von ihren Auftraggebern – das bestimmte Thema. Brancheninsider und Experten wie Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management, sprechen von einer Machtasymmetrie: Die Autohersteller bestimmen, an wen sie Aufträge vergeben, können so die Zulieferer gegeneinander ausspielen. Dies führt zu einem immer größer werdenden Preisdruck. Insbesondere große Autohersteller fordern von ihren Lieferanten regelmäßig Preisnachlässe.

Abhängig von einem Lieferanten

Diesmal war der Druck womöglich zu groß. Der Zulieferer Prevent hat zu liefernde Teile an VW zurückgehalten. "In dem Fall hat der David dem Goliath ein Stück weit Grenzen aufgezeigt", sagt Automobilfachmann Stefan Bratzel. Möglich wurde das, weil Volkswagen nur einen einzigen Lieferanten für seine Getriebeteile hatte. Fachleute sprechen hier von single sourcing.

Eine Aufteilung auf mehrere Zulieferer ist bei den hochspeziellen Einzelteilen nicht unbedingt sinnvoll. Wenn mehrere Lieferanten dasselbe Teil produzieren, sinken für den einzelnen Zulieferer die Stückzahlen, die Kosten steigen und das Geschäft wird weniger rentabel. Umgekehrt werden für den Autokonzern aufgrund der georderten Masse die Teile günstiger. Und auch aus Gründen der Qualitätssicherung ist es vorteilhaft, nur einen Lieferanten zu haben.

Wer im konkreten Fall den Streit angefangen hat und was genau die Motive von Prevent waren, lässt sich noch nicht sagen. Möglicherweise handelte der Zulieferer aus purer Verzweiflung, weil er von VW so sehr ausgepresst wurde, dass er keine andere Möglichkeit mehr sah. Vielleicht steckt aber auch Kalkül hinter dem Lieferstopp. Prevent befindet sich auch mit Daimler im Rechtsstreit

Preisdruck auf Kosten von Innovation

So oder so verdeutlicht der Fall, wie wichtig die Zulieferer in der Autoproduktion sind. Der Kostendruck in der Branche gehe auf Kosten von Qualität und Innovation, warnt Fachmann Bratzel. Gerade jetzt, angesichts neuer Technologien wie Elektromobilität und autonomen Fahrens, seien die Autohersteller auf die Innovationsfähigkeit ihrer Zulieferer angewiesen. Damit die Lieferanten innovativ sein können, müsse man ihnen Luft zum Atmen lassen, sagt Bratzel: "Wenn das wieder stärker auf die Agenda kommt, hätte dieser Fall etwas Gutes bewirkt."

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnt derweil, das Verhalten von Prevent dürfe "keine Schule machen". Der Konflikt habe beträchtliche Schäden zur Folge gehabt. Im VW-Stammwerk Wolfsburg und in Zwickau ruhte kurzzeitig die Produktion, im Passat-Werk Emden mussten Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen. 

Für Zulieferer Prevent dürfte es künftig schwieriger werden, an Aufträge zu kommen. Trotzdem könnte die enorme Wirkung des Lieferstopps auch andere Zulieferer ermutigen, ihre Verhandlungsmacht zu nutzen und ihren Auftraggebern die Stirn zu bieten. Die Hersteller wiederum könnten vorsichtiger werden und auf längerfristige und vertrauensvolle Kooperationen mit Zulieferern setzen. Die Autohersteller sollten sich auch überlegen, in den Kernkompetenzbereichen – also zum Beispiel bei Elektroantrieben – ihre Produktion im Haus zu halten, sagt Experte Bratzel. So wären sie ihrerseits weniger abhängig von Zulieferfirmen.