Nehmen wir also mal an: Alles ist gut in der Bahn.

Sie finden mühelos zu Ihrem reservierten, frisch gereinigten Einzelplatz, schlenkern ihr spottleichtes Köfferchen nach oben auf die freie Gepäckablage, hängen den Mantel auf, sinken dann wohlig seufzend in Ihren ICE-Fenstersesselplatz nieder. Bewundern den eleganten Schwung der Fenster, das Design der selbsttätig schließenden Türen, die Sanftheit, mit der der Zug sich in Bewegung setzt, den Bahnhof verlässt, beschleunigt, die Stadt hinter sich lässt und durch Felder und Wiesen gleitet. Sind noch kurz heilfroh, dass die Bahn es natürlich nicht geschafft hat, das schon vor Jahren angekündigte Entertainment-Programm mit Filmen und Videospielen herauszubringen, das im ICE Feeling verbreiten sollte wie im Flieger nach Mallorca – was nichts anderes heißt, als dass es überall um Sie herum aus Kopfhörern quäken und krachen und ein Bildschirm neben dem anderen flimmern würde. Dann stellen Sie Ihre Lehne zurück, schließen gemütlich die Augen und denken an Ihre erste Fahrt mit dem Zug, an hart gekochte Eier und Erdbeerquark. Und an das Buch, das Sie dabeihaben und auf das Sie sich schon freuen, denn wann außer in der Bahn, diesem Zustand des Gleitens zwischen den Welten, hat man schon noch richtig Zeit zum Lesen ...?

Da fällt ein Schatten über Sie und – Entschuldigung, aber wollen Sie nun darauf vorbereitet sein, was Ihnen in der Bahn alles zustoßen kann, oder nicht?! – und eine Stimme sagt: "Das ist mein Platz!"

Als Sie die Augen öffnen, zögerlich, weil inständig hoffend, dass nicht Sie gemeint sind, sondern irgendjemand anderer, starrt Sie einer an. Mit einer Miene, aus der sofort klar wird, dass er die unumstößliche Wahrheit gepachtet hat. Nämlich: "Hallo, ich sagte, das ist mein Platz! ".

© Piper Verlag

Mag sein, dass Sie zu den verbindlichen, Konflikt vermeidenden, angenehmen Menschen gehören (wie ich einer war, bevor ich begann, Bahn zu fahren). In dem Fall stehen Sie sofort auf, entschuldigen sich, nehmen Ihre Siebensachen und ziehen sich in Richtung Abteiltür zurück, während sich Ihr Vertreiber mit verächtlichem Schnauben auf Ihren Platz fallen lässt.

Im Zwischenwagenbereich fällt Ihnen dann ein, dass Sie auch reserviert haben. Sie kramen Ihre Fahrkarte heraus, lesen, überprüfen die Wagennummer (stimmt), gehen ein Stück ins Abteil zurück und linsen auf die Nummer Ihres Explatzes (stimmt auch). Was in Summe nur einen Schluss zulässt: Nicht Sie haben sich geirrt. Der Typ, der Sie vertrieben hat, hat sich vertan.

Aber als Sie zurückgehen und ihn ansprechen, schaut er Sie an, als habe er Sie noch nie in seinem Leben gesehen, und das, was er sagt, klingt auch danach. Und sicher, theoretisch müssten Sie, außer der Kerl ist rotzfrech, was passieren kann, oder jeder Vernunft abhold, was ebenso vorkommen kann, in dem folgenden Dialog mühelos obsiegen.

Aber: Sie haben schon verloren. Denn Sie haben den Kardinalfehler begangen. Stehen Sie niemals auf, solange nicht zweifelsfrei klar ist, dass tatsächlich Sie es sind, der sich geirrt hat. Ich habe die statistisch nicht belastbare, aber durch Jahre des Bahnfahrens gesicherte Erfahrung gemacht, dass immer wenn jemand besonders selbstsicher behauptete, mein Platz gehöre ihm, die Wahrscheinlichkeit besonders hoch war, dass er sich irrte. Entweder im Wagen. Oder sogar im Zug. Also bleiben Sie verbindlich-cool, wenn da ein dauergestresstes Anzughörnchen, ein Sweatshirtträger (nomen est omen) mit Rucksack oder eine nebenher lässig telefonierende Spätpubertäre Ihnen den Platz streitig macht.