Das Fahren eines Pkw schließt Whim außerdem nicht aus: Wer ein Auto braucht, kann auf einen Mietwagen von Sixt zugreifen. Im 249-Euro-Paket ist die Monatskarte für den Verkehrsverbund der Region Helsinki enthalten, also eine unbegrenzte Nutzung des ÖPNV. Dazu kommen 5.500 sogenannte Whim-Punkte. Die kann der Nutzer beispielsweise einlösen für acht Taxifahrten in einem Umfang von je rund zehn Kilometern plus einen Mietwagen für zwei Tage. Oder alternativ für zwölf Taxifahrten. Oder sechs Tage Mietwagen. Teurere Premiumpakete haben entsprechend mehr Whim-Punkte.

Außerdem denkt Hietanen darüber nach, in günstigeren Paketen die Wahlmöglichkeit auszuschließen. Das heißt, der Nutzer könnte nicht selbst entscheiden, wie er an sein Ziel kommt – das würde Whim entscheiden. "Ehrlich gesagt: Will man wirklich jedes Mal aus einer langen Liste selbst wählen, oder überlässt man das sowieso nicht lieber dem Operator, der das ideale Verkehrsmittel für die Fahrt von A nach B auswählt?", fragt Hietanen. Zeit sparen, auch das soll ein Pluspunkt von Whim sein.

Klar ist: Mit seinem Schwerpunkt auf den öffentlichen Nahverkehr ist das Konzept grundsätzlich eines für urbane Ballungsräume. Aber diese wachsen bekanntlich, weil die Städte immer mehr Menschen vom Land anziehen. In Deutschland leben schon heute fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung in Städten und Ballungszentren. Doch das Whim-Konzept erleichtert Städtern auch die Fahrt ins Grüne. Wer zum Beispiel im Sommer aus Berlin an einen Badesee im Brandenburger Umland will, braucht oft entweder ein eigenes Auto, muss Carsharing nutzen – was teuer werden kann – oder sich rechtzeitig einen Mietwagen besorgen. ÖPNV geht auch, doch damit wird es richtig kompliziert. Mit Whim wäre die Sache deutlich einfacher.

Finnische Regierung steht zu MaaS

Gerade die sogenannte Intermodalität – also die Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel für eine gewünschte Strecke – ist für den Dienstleister komplex. Der Nutzer soll auf seinem Weg von A nach E über B, C und D schließlich sicher sein können, dass in B das eingeplante Carsharing-Auto auch wirklich zur Verfügung steht, um damit nach C zu fahren; anschließend muss der Zug pünktlich sein, der den Nutzer von C nach D bringt; dort wiederum muss am Bahnhof das versprochene Miet-Elektrorad auch da sein, damit der Nutzer den letzten Weg zurücklegen kann. Oder der On-demand-Minibus.

Hier zeigt sich die Hauptschwierigkeit des Konzepts. Damit der Nutzen der App so umfassend wie nur möglich ist, müssen im besten Fall alle Verkehrsmittel integriert sein, in Deutschland wären das mehr als zwei Dutzend Verkehrsverbünde. Selbst in Finnland geht Whim im Testbetrieb derzeit nicht so weit. Die finnische Bahn VR beteiligt sich zum Beispiel momentan nicht daran. Das soll nach dem Willen von Sampo Hietanen natürlich nicht so bleiben.

Wie mühsam ist es, Anbieter für Whim zu gewinnen? "Das ist schwer und leicht zugleich", sagt Hietanen. "Schwer, weil man erst mal als jemand wahrgenommen wird, der zwischen dem eigenen Angebot und dem Kunden steht und Zugriff auf Kundendaten möchte – aber leicht, weil letztlich das Argument überzeugt, dass der Anbieter allein gegen die Übermacht des Autos nicht ankommt und man nur gemeinsam dagegen gewinnt." Und wer nicht mitmacht, wird am Ende womöglich abgehängt sein, wenn das Modell Erfolg hat. Künftig könnten etwa auch selbstfahrende Taxis eingebunden werden, sagt Hietanen. Oder privates Carsharing, also Plattformen, auf denen Privatpersonen ihr Auto an andere vermieten.

Dreh- und Angelpunkt von Whim ist die Abrechnung im Hintergrund. "Dazu müssen wir auf viele Daten zugreifen können und brauchen Zugang zu mobilem Ticketing", erläutert Hietanen. In Finnland hilft die Regierung dabei: Sie sieht die neuen Mobilitätsangebote als große Chance für die heimische Wirtschaft und bringt jetzt ein neues Transportgesetz auf den Weg, das ab Mitte 2018 Hemmnisse für neue digitale Dienstleistungen wie Whim aus dem Weg räumen soll – etwa indem Anbieter ihre API-Schnittstellen für übergreifendes digitales Ticketing öffnen müssen. Open Data, also die freie Verfügbar- und Nutzbarkeit von Daten, hat sich Finnland ohnehin längst auf die Fahnen geschrieben.