Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: Diese Erfahrung aus der Medizin machen auch Besitzer von Elektro- und Hybridautos. Solche Modelle sind zwar abgasfrei und damit prinzipiell umweltfreundlich, doch sie stellen offenbar ein Problem für die Verkehrssicherheit dar. Das liegt nach Meinung von Experten an den Geräuschen, die elektrisch betriebene Autos machen – oder besser gesagt: an den Geräuschen, die sie nicht machen. Zwar summt der Elektromotor leise, doch das reicht nicht, um wie andere Autos im Straßenverkehr wahrgenommen zu werden. Fachleute sehen darin ein Unfallrisiko.

Seit einigen Jahren diskutieren Unfallforscher und Autohersteller schon über dieses Thema, doch vergangene Woche hat die US-Behörde für Verkehrssicherheit NHTSA Nägel mit Köpfen gemacht. In einer neuen Vorschrift verpflichtet sie die Autohersteller, künftig alle neuen Elektro- und Hybridmodelle mit einer Technik auszustatten, die gezielt Geräusche erzeugt – egal, ob das Auto vorwärts oder rückwärts fährt. Die Experten sprechen vom Acoustic Vehicle Alert System (AVAS).

Mit dieser Maßnahme will die NHTSA jährlich rund 2.400 Fußgängerunfälle verhindern. Die Behörde befürchtet, dass viele Menschen die leisen Autos nicht hören und deshalb beim Überqueren der Fahrbahn verunglücken. "Wenn künftig mehr leise Elektro- und Hybridautos auf den Straßen unterwegs sind, wird es wichtig sein, dass Fußgänger diese Fahrzeuge nicht nur sehen, sondern auch zuverlässig hören können", sagt US-Verkehrsminister Anthony Foxx. Das gelte vor allem für Blinde und Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen, die im Straßenverkehr fast ausschließlich auf akustische Signale angewiesen sind.

Die neue Richtlinie beruht auf der Auswertung von Verkehrsunfällen aus zwölf US-Bundesstaaten, an denen rund 560.000 Autos mit Benzin- oder Dieselantrieb und fast 8.400 Hybridmodelle beteiligt waren. Das Ergebnis: Sobald die Hybridautos bei langsamer Fahrt elektrisch betrieben werden, bestehe laut der US-Behörde ein zweifach höheres Risiko für Fußgängerunfälle als bei herkömmlichen Autos.

"Bedeutende akustische Signalquelle"

Durch den Einbau eines speziellen Soundgenerators und wasserdichter Außenlautsprecher unter der Karosserie entstehen den Autoherstellern nach Schätzungen der NHTSA Mehrkosten von jährlich rund 39 Millionen Dollar. Rechne man aber den Sicherheitseffekt und die dadurch eingesparten Unfallkosten dagegen, habe die neue Technik einen Nutzen von 250 und 300 Millionen Dollar pro Jahr.

Gesetzliche Vorschriften über das Minimalgeräusch von Elektrofahrzeugen gibt es auch in Europa. Und zwar bereits seit April 2014. Der Einbau eines AVAS wird vom 1. Juli 2019 an für alle neu entwickelten Fahrzeugtypen in der EU zur Pflicht, vom 1. Juli 2020 an für alle neu zugelassenen Elektro- und Hybridautos, wie das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage von ZEIT ONLINE erläutert.

Anders als in den USA sollen die "künstlichen Minimalgeräusche" aber nur bis "etwa 20 km/h" erzeugt werden – fahre der Wagen schneller, sei der Sound aus der Maschine nicht erforderlich, weil dann bei Personenwagen aller Antriebsarten das Rollgeräusch der Reifen dominiere, so das Ministerium. Die EU-Kommission betrachtet das Motorengeräusch als eine "bedeutende akustische Signalquelle" im Straßenverkehr, die bei Elektro- und Hybridautos wegfalle. Deshalb müsse man durch ein "Fahrzeug-Warnsystem" nachhelfen.

Ursprünglich war seitens der EU-Kommission geplant, die Geräuschvorschriften für Elektroautos auf internationaler Ebene zu harmonisieren, doch eine entsprechende Regelung des zuständigen Gremiums UNECE ist bisher nicht in Kraft getreten. Die Amerikaner haben deshalb jetzt ihre eigene Regelung getroffen, sodass E-Autos in den USA künftig womöglich anders klingen werden als die gleichen Modelle in Europa oder Asien. Zudem schreiben die Amerikaner das akustische "Alarmsystem" bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h (19 mph) vor.

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