Der Film entlockt den Handwerkern und Logistikern im Kurs ein entsetztes Raunen. Ein mit 100 Kilogramm beladener Kastenwagen knallt mit 50 Kilometern pro Stunde gegen die Wand. Der Crashtest-Dummy am Steuer hat keine Chance: Die mangelhaft gesicherte Ladung katapultiert sich mit dem Vierzigfachen des Eigengewichts in Richtung Frontscheibe. Ein 200 Gramm schweres Smartphone verwandelt sich nach dieser Arithmetik des Grauens in ein acht Kilo schweres Projektil, ein Akkuschrauber mit fünf Kilo Gewicht in ein 200-Kilo-Geschoss.

Der Clip ist Teil eines Sicherheitstrainings von Nissan am Nürburgring. Neben Fahrübungen – Hindernissen ausweichen, bremsen, ein ausbrechendes Fahrzeug wieder einfangen – steht auch auf dem Lehrplan, wie man die Ladung richtig sichert, um beispielsweise bei Vollbremsungen keine gefährlichen Überraschungen zu erleben. Die Safety Driving Academy des japanischen Herstellers wendet sich an jene, die regelmäßig Transporter mit bis zu 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht bewegen. Das sind nicht wenige: Dieses Nutzfahrzeug-Segment ist mit einem Anteil von 82 Prozent auch das größte.

Die Teilnehmer müssen nicht mit ihrem eigenen Fahrzeug antreten, sondern können die Selbstversuche an Exemplaren der Nissan-Palette wie NV200, NV400 oder dem Pick-up Navara erleben. Doch auch wer eher einen Pkw als einen Transporter bewegt, nimmt aus dem Kurs einige nützliche Lektionen mit. Zum Beispiel, dass auch Handtaschen und Computertaschen angegurtet sein sollten. Noch sicherer ist es bei einer heftigen Bremsung, wenn sie im Fußraum verstaut wurden.

Auch wer seinen Kombi mit Gepäck, Sportgeräten oder Wocheneinkäufen belädt, sollte lieber die serienmäßig verbauten Ösen nutzen sowie zu Netzen und Gurten greifen, um für den Ernstfall die Ladung zu bändigen, rät der Kursleiter. Weder Profis noch Privatfahrer sollten zu den billigen Spanngurten greifen, wie man sie oft vor der Kasse eines Baumarkts sieht. Nur die genormten Gurte, die man am blauen Etikett erkennt, entsprechen den offiziellen Richtlinien und halten den angegeben Kräften der Zuglast stand. Diese Gewichtskräfte werden in Deka-Newton (1 daN gleich 10 Newton) angegeben, wobei ein daN einer Ladungsmasse von etwa einem Kilo entspricht.

Wie ein Cowboy beim Rodeo

Das Thema Sicherheit bei der Ladung – ob Ware oder Werkzeuge und Materialien, die ein Handwerker in seinem Pritschen- oder Kastenwagen regelmäßig mitführt – beginnt eigentlich schon beim Kauf des gewerblichen Fahrzeugs und der Bedarfsanalyse für die Ausstattung. Häufig werden die physikalischen Kräfte eines Aufpralls unterschätzt, und dann erweisen sich billige Schienen und Regalsysteme, oft Marke Eigenbau, als hochriskant. Gerade Aufbauten aus Holz absorbieren keine Aufprallenergie, zudem regnet es Splitter. Das Bewusstsein und die Verantwortung für die Gefahrenvermeidung sind auf den Schultern von Verkäufern, Fuhrparkleitern und Fahrern verteilt.

Ladung richtig zu verteilen und vertäuen ist eine schwierige Kunst. Das zeigte ein Praxistest für die Kursteilnehmer. Die Aufgabe: zwei kleine Farbkanister mittels der angebotenen Netze, Antirutschmatten, Spanngurte und zusätzlichen Schienen auf der Pritschenfläche fachgerecht an der Eigendynamik hindern. Das stellte nicht nur die Amateure in der Runde vor eine Herausforderung. Man muss dabei die zulässige Zuglast der Verzurrmittel kalkulieren und zugleich dafür sorgen, dass das Transportgut sich in keine Richtung selbstständig machen kann.

Im Kurs lernen die Teilnehmer, wie man den Transporter auf nasser Fahrbahn lenkt. © Nissan

Außerdem ließen die Instruktoren ihre Schützlinge auf einer nassen Fläche bei ansteigenden Geschwindigkeiten immer wieder erleben, wie ein unbeladenes kleines Nutzfahrzeug rutscht und ausbricht. Schnell fahren und in einer Kurve von der Straße abkommen – diese Situation zählt zu den häufigsten Unfallursachen. Bremsen kann gerade in diesem Augenblick dazu führen, dass sich das Fahrzeug dann auch noch unkontrolliert dreht.

Auch in einer anderen Übung, bei der zuschaltbare Wasserfontänen Hindernisse simulierten, offenbarte sich die Fahrphysik zunächst als Feind. Beherzt vollbremsen und dann das ABS und ESP nutzen, um auszuweichen, das stellt den Fahrer eines Nutzfahrzeugs mit längerem Bremsweg und höherem Schwerpunkt vor eine größere Herausforderung als den Fahrer eines Kleinwagens.

Irgendwann fühlte sich wohl jeder im Kurs wie ein Cowboy beim Rodeo. Aber der Vorteil dieser Übungen im Freiluftlabor des Sicherheitszentrums am Nürburgring ist, dass man für die Realität gerüstet ist und auch die eigene Reaktionsschnelligkeit einzuschätzen gelernt hat.