Von der Bohrmaschine bis zum Gästezimmer und natürlich auch das Auto: Viele Gebrauchsdinge würde Dieter Zetsche durchaus mit fremden Menschen teilen, verriet der Daimler-Chef im September auf dem Pariser Autosalon. Denn Sharing sei einer der großen Trends unserer Zeit. Daimler selbst hat die Idee vom geteilten Autonutzen populär gemacht und sich mit car2go zum Marktführer der sogenannten Freefloater aufgeschwungen. Die Konkurrenz wächst aber. BMW ist dem Beispiel längst mit DriveNow gefolgt – nun folgt der nächste Anbieter, der den Mobilitätsdiensten neuen Schwung geben will: Opel.

Der Rüsselsheimer Autohersteller importiert jetzt die ersten Bausteine des General-Motors-Projekts Maven, das in den USA bereits eine große Nummer ist. Dazu zählt nicht nur das klassische Carsharing. Der Opel-Mutterkonzern stellt mit Maven Residential auch Fahrzeugflotten für Mieter in ausgewiesenen Wohnanlagen zur Verfügung, organisiert Carsharing für Unternehmensflotten oder große Gemeinschaften (Maven Campus) und stellt den Maven-Mitgliedern mit Express Drive die passenden Autos zur Verfügung, wenn sie sich ein Zubrot als Fahrer beim Uber-Konkurrenten Lyft verdienen wollen.

Schon nach zehn Monaten meldet Maven eine rege Geschäftstätigkeit. Man habe in 15 US-Städten über 14.000 Mitglieder, die mehr als 10.000 Fahrzeuge gebucht und damit bereits 46 Millionen Kilometer zurückgelegt hätten, sagt Maven-Chefin Julia Steyn. "Das Verhalten unserer Kunden hat sich geändert. Car- und Ridesharing-Angebote sind daher wichtige Säulen unserer künftigen Mobilitätsstrategie."

"Hemmschwellen für Mehrfachnutzung von Autos sinken"

Ganz so groß wie in den USA steigt Opel in Deutschland erst einmal nicht ein. Die GM-Tochter startet mit Maven Home. Dieser Dienst stellt ab 2017 eine Flotte mit Fahrzeugen der Modelle Opel Adam und Ampera-E unter anderem für die Gäste der Meininger Hotel Gruppe zum Beispiel in Berlin, Frankfurt, Hamburg und München bereit, bietet Autos in den Tiefgaragen neuer Wohnanlagen an und macht Studenten in ausgewählten Wohnheimen mobil. Parallel dazu lotet Opel mit einem Pilotprojekt am Stammsitz die Chancen für Maven Pro aus: 12.000 Opelaner in Rüsselsheim haben elektronisch Zugriff auf einen Pool von rund 2.000 Werkswagen – Carsharing für Mitarbeiter.

"Zwar beginnen wir in Deutschland erst einmal mit einem Rumpfprogramm", räumt Dan Ammann ein, der als zweiter Mann im GM-Konzern die Mobilitätsdienste verantwortet. "Doch es gibt keinen Grund, weshalb wir dort nicht nach und nach das gesamte Portfolio ausrollen sollten", ergänzt der Vice President optimistisch.

Schon seit einem Jahr betreibt Opel mit CarUnity als erster Autohersteller eine Plattform, über die das sogenannte Peer-to-Peer-Carsharing organisiert wird. Anders als etwa bei car2go gehören die Autos dort nicht einem Dienstleister, sondern man fährt in Privatwagen, die ähnlich vermittelt werden wie Übernachtungsgelegenheiten bei Airbnb. Vor allem im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin hat sich laut Opel bereits "eine fünfstellige Zahl" von Nutzern registriert, die zwischen rund 5.000 Fahrzeugen wählen können. Ähnliche Angebote gibt es auch von Nicht-Autobauern, etwa Drivy.

Das Angebot passe perfekt in die Zeit, sagt der Schweizer Zukunftsforscher Lars Thomsen. Er nennt dafür vor allem drei Gründe:

  • Das neue Miteinander: "Facebook und Co. haben das Verhältnis zwischen den Menschen verändert", sagt Thomsen. "Freunde und Bekannte kommen nicht mehr nur aus der Familie, der Nachbarschaft oder dem Kollegenkreis. Sondern wir 'teilen' so viel Privates mit vermeintlich Fremden, dass die Distanz zwischen den Menschen kleiner wird und die Bereitschaft wächst, auch persönliche materielle Dinge weiterzugeben", ist er überzeugt.
  • Die neuen Technologien: Internetportale und Apps erleichtern die Buchung; Connectivity-Boxen, Codes und Chips ersetzen den Fahrzeugschlüssel und vereinfachen die Übergabe. Automatisierte Abrechnungsmodelle verhindern Ärger, wenn es ums Geld geht. "All das macht die Mehrfachnutzung eines Autos für beide Seiten so bequem, dass die Hemmschwellen sinken", sagt Thomsen.
  • Die neue Einstellung zum Fahrzeug: Die Bereitschaft zum Teilen ist für den Trendforscher auch ein Ausweis für den schleichenden Bedeutungsverlust des persönlichen Autos. "Früher war der eigene Wagen mal das Ein und Alles, das man selbst dem Lebenspartner oft nur mit einem unguten Gefühl überlassen hat. Heute ist er für viele einfach nicht mehr das wichtigste Gut im Leben und wird deshalb bereitwilliger weitergegeben."