Haben Fußgänger am Kreisverkehr Vorrecht vor Pkw? Normalerweise gibt es keinen Zebrastreifen am Kreis, lediglich eine gestrichelte Markierung. Fußgänger nehmen sich aber regelmäßig das Recht heraus, dort wie über einen Zebrastreifen hinüberzugehen. Mit Recht?, fragt ZEIT-ONLINE-Leser Wolfgang Ewert aus Sonthofen.

Rechte und Pflichten von Fußgängern und Radfahrern innerhalb eines Kreisels werfen immer wieder Fragen auf. Schon im Oktober beschäftigte sich eine Leserfrage damit. Welches Verhalten ein Fußgänger beim Überqueren von Fahrbahnen zu beachten hat, regelt die Straßenverkehrsordnung, etwa in Paragraf 25 Absatz 3 StVO.

Dort heißt es: "Wer zu Fuß geht, hat Fahrbahnen unter Beachtung des Fahrzeugverkehrs zügig auf dem kürzesten Weg quer zur Fahrtrichtung zu überschreiten, und zwar, wenn die Verkehrslage es erfordert, nur an Kreuzungen oder Einmündungen, an Lichtzeichenanlagen innerhalb von Markierungen oder auf Fußgängerüberwegen (Zeichen 293). Wird die Fahrbahn an Kreuzungen oder Einmündungen überschritten, sind dort vorhandene Fußgängerüberwege oder Markierungen an Lichtzeichenanlagen stets zu benutzen."

Wer zu Fuß unterwegs ist, muss also dem Fahrzeugverkehr Vorrang einräumen, fasst der Verkehrsrechtsexperte Herbert Engelmohr vom Automobilclub von Deutschland (AvD) zusammen. Damit hätten aber Fußgänger kaum Chancen, jemals die Fahrbahn zu überqueren, wenn es weder Zebrastreifen noch eine Fußgängerampel gibt. "Trotz Vorrang muss ein Autofahrer damit rechnen, dass Fußgänger die Fahrbahn überqueren möchten und muss dementsprechend Rücksicht auf die Person auf der Fahrbahn oder am Rand nehmen", sagt Engelmohr und verweist auf ein Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Nürnberg (Az.: 6 U 3021/00).

Zur Leserfrage sagt der Verbandsjurist: "Die vom Leser angesprochenen Fußgängerüberwege müssen innerorts nur dort angelegt werden, wo Fußgänger sonst wegen der hohen Verkehrsbelastung nicht sicher über die Straße kommen." Häufig ist an kleineren Kreisverkehren kein Zebrastreifen vorhanden. Ist ein Übergang markiert, haben nach Paragraf 26 Absatz 1 StVO Fahrzeuge den zu Fuß Gehenden sowie Menschen mit Handicap, beispielsweise Rollstuhlfahrern, die den Übergang nutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. "Ein Autofahrer muss dann besonders Rücksicht nehmen", sagt Engelmohr.

Außerdem muss ein Kraftfahrer, der einen Kreisverkehr verlässt, nach Meinung der Rechtsprechung Paragraf 9 Absatz 3 StVO beachten: Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen – Schienenfahrzeuge, Fahrräder mit Hilfsmotor und Fahrräder auch dann, wenn sie auf oder neben der Fahrbahn in die gleiche Richtung fahren. "Das gilt auch gegenüber Linienomnibussen und sonstigen Fahrzeugen, die gekennzeichnete Sonderfahrstreifen benutzen. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen; wenn nötig, ist zu warten", sagt der AvD-Jurist.

Die Gerichte fassen die Richtungsänderung aus dem Kreisverkehr heraus als Abbiegen auf. "Das Argument für die besondere Pflicht zur Rücksichtnahme in dieser Situation lautet, der abbiegende Kraftfahrer habe die bessere Sicht als der die Straße betretende Fußgänger. Dieser müsse ansonsten das Verkehrsgeschehen beobachten, das sich zumindest zum Teil hinter seinem Rücken abspielt", erläutert Engelmohr. Dazu gibt es Urteile des OLG Hamm (Az.: 9 U 38/04) und des Landgerichts Saarbrücken (Az.: 13 S 15/09).