Irgendwie muss sich ein Konkurrent der Deutschen Bahn ja vom Platzhirsch unterscheiden. Das neue Unternehmen Locomore macht das mit einer kurzen Durchsage im Zug: "Liebe Fahrgäste, wir erreichen Göttingen sieben Minuten zu früh" – ein Satz, den man bei der DB gerne öfter hören würde. Gut ein Jahr nach dem Start seines Crowdfunding-Projekts hat Locomore an diesem Mittwoch seine Premierenfahrt von Stuttgart nach Berlin absolviert.

Statt Verspätung also eine Verfrühung, und das obwohl der erste Locomore-Zug mit dem Kürzel LOC 1818 in Stuttgart schon zu spät losfährt. Der Zug – Locomore bestellt die Lok als Dienstleistungspaket samt Lokführer beim schwedischen Anbieter Hector Rail – rollt an diesem frühen Morgen um kurz nach halb sieben mit vier Waggons aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Gut sieben Stunden später wird der markant orangefarben lackierte Zug in Berlin-Lichtenberg ankommen und eine Stunde später denselben Weg wieder zurück nach Stuttgart nehmen.

Noch kennen wenige Locomore. Das zeigt sich an diesem Vormittag. In den Intercity-Wagen der DB aus den späten Siebzigern, die Locomore in Rumänien hat modernisieren lassen, sind noch viele Sitzplätze unbesetzt. Annette Lührs etwa sitzt allein in ihrem Abteil. Sie fährt regelmäßig die Strecke zwischen Darmstadt und Hannover und freut sich darüber, dass sie nicht umsteigen muss wie sonst. "Außerdem merkt man an der Kundenansprache und dem guten Service, dass das Locomore-Team mit sehr viel Spaß dabei ist – ich hoffe, die bewahren sich das", sagt Lührs und trinkt den Gepa-Fairtrade-Kaffee, den sie eben bei Zugbegleiter Paul gekauft hat. Aus seinem Servicewagen bietet er auch Biolimonaden, Biobier, vegane Braunhirse-Sandwiches und sogar Buletten vom Neuland-Schwein mit Nudelsalat an.

Von ihrem Lebensgefährten hatte Annette Lührs erfahren, dass es den neuen Anbieter auf der Schiene gibt. Mit der Deutschen Bahn hätte sie den doppelten Preis gezahlt. Locomore will unschlagbar billig auf der Schiene sein und verspricht, dass bei ihnen die Fahrscheine höchstens so viel kosten wie auf der gleichen Strecke die Hälfte des Bahn-Flexpreises – sogar wenn man spontan einsteigt und das Ticket erst im Zug kauft. Die kostenlose Sitzplatzreservierung ist im Fahrschein inbegriffen.

600.000 Euro über Crowdfunding

Selbst der Fernbus ist, wenn man nicht frühzeitig günstige Tickets findet, nur wenig günstiger, aber dafür deutlich langsamer unterwegs. Der Locomore fährt auf den Schnellstrecken teils 200 km/h schnell, im Schnitt sind es 120 km/h. Wer sparen will, muss deshalb für die Strecke Stuttgart-Berlin eine gute Stunde länger als mit dem ICE einplanen.

Beim Komfort muss sich Locomore hingegen nicht verstecken. Die aufgemöbelten Sitze in den kleinen Abteilen sind bequem, im Großraumwagen wurden gar neue Ledersitze eingebaut. In Wagen 5 wäre Platz für Fahrräder, die heute aber niemand dabei hat. Behindertengerechte Plätze sind ebenfalls vorhanden. Jedes Abteil hat vier Steckdosen, und unterwegs läuft das kostenlose WLAN so gut wie fehlerfrei, nur in den Tunnels setzt die Verbindung kurz mal aus. "Dass das so gut funktioniert, freut mich gar nicht mal so", sagt ein Reisender aus Potsdam schmunzelnd, während sein dreijähriger Sohn gegenüber gebannt die nächste Folge der Sendung mit der Maus anschaut. Der Junge fährt kostenlos mit und auch der für ihn reservierte Platz im Locomore kostet den Vater nichts, anders als bei der Deutschen Bahn.

Ein Abteil im Locomore-Zug © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Neben den Abteiltüren hängen große Schilder, die darauf hinweisen, dass die Abteile themenbasiert sind. Locomore nennt das Social Seating. Kunden sollen in Themenabteilen Menschen mit ähnlichen Interessen finden können. Als Themen bietet Locomore beispielsweise Fotografie, Häkeln und Stricken oder Comics an. Im Themenabteil Kaffeeklatsch sitzt ein schwäbisches älteres Ehepaar, das von Stuttgart nach Berlin reist. Die Frau lobt den Service am Platz: "Der Kaffee schmeckt gut und ist mit 1,80 Euro wirklich günstig."

Die beiden sind als Gegner des Bahnhofprojekts Stuttgart 21 auch Kritiker der Deutschen Bahn und gehören zu den rund 1.300 Leuten, die sich an der Schwarmfinanzierung von Locomore beteiligt haben. Auch das ist ein Novum, mit dem Locomore von sich reden machte. Das Ehepaar hatte 280 Euro gespendet und dafür im Gegenzug zwei Tickets für eine Locomore-Fahrt erhalten, die sie jetzt eingelöst haben. Etwas über 600.000 Euro seien über Crowdfunding zusammengekommen, berichtet Co-Geschäftsführerin Katrin Seiler, mit Einzelsummen bis zu 20.000 Euro. Damit konnte Locomore erst einmal die Organisation aufbauen, die Wagen und ihre Modernisierung finanzieren, Loks anmieten, Nutzungsgebühren für die Schienen an die Deutsche Bahn vorstrecken, Werbung machen.