Aus der Ferne betrachtet sind sie kaum zu unterscheiden, die S1000R und die G310R. Die beiden BMW-Motorräder gleichen sich, als wären sie eineiige Zwillinge. Die optische Verwandtschaft der beiden ist verblüffend: Die knappe Lampenmaske mit markantem Scheinwerfer, dynamische Tankverkleidungen und die typischen Roadster-Proportionen mit bulliger Front und hohem Heck lassen die kleine G310R ebenso erwachsen erscheinen wie die große Schwester.

Der Name verrät schon viel über den Charakter der neuen BMW-Maschine. Das G steht für die Einzylinder-Baureihe der Münchner, 310 spielt auf die Größe des Hubraums an, die Endung R bedeutet Roadster. Optisch ist das neue Bike ein Hingucker. Aber reicht die Leistung mit 25 Kilowatt? Die Kleine hat immerhin drei Zylinder und 93 kW weniger als ihre Schwester. Wir haben den Nachwuchs getestet.

Technisch ist der Antrieb auf dem hohen Niveau großer Motorradmotoren von BMW. Das Triebwerk ist ein komplett neu entwickelter, flüssigkeitsgekühlter Einzylindermotor mit vier Ventilen, zwei obenliegenden Nockenwellen und elektronischer Kraftstoffeinspritzung. Anders als herkömmliche Einzylinder-Aggregate ist der 313 Kubikzentimeter kleine Motor nach hinten geneigt und der Zylinderkopf um 180 Grad ebenfalls nach hinten gedreht.

Diese Lösung führt dazu, dass der Auslasstrakt sich hinten, der Einlasstrakt sich vorne in Fahrtrichtung gesehen befindet. "Diese Anordnung führt zu einer leistungsfördernden Zuführung von Frischgas und hat positive Konsequenzen für die Architektur des Gesamtfahrzeugs", sagt Edgar Heinrich, der den Designbereich bei BMW Motorrad leitet. So entsteht ein tiefer und in Richtung Vorderrad verschobener Fahrzeugschwerpunkt. Zugleich lässt diese Anordnung einen kurzen Radstand und eine lange Schwinge zu. "Das führt zu einem stabilen Fahrverhalten der leichten Maschine." Die wiegt nur 158,5 Kilogramm. Weitere Stabilität bringt die Upside-down-Gabel.

Die Gemütlichkeit überträgt sich auf den Fahrer

In Los Angeles hat Heinrich die Maschine der internationalen Presse Anfang Dezember vorgestellt. Dort zeigte die G310R auch auf einer Testfahrt, wie sie sich in der Praxis anstellt. Von Los Angeles ging es über die Bergstraßen der Hollywood Hills hinunter an den Strand von Malibu, von dort ein Stück den Pacific Highway Richtung Süden, dann mitten durch die Rushhour zurück zum Ausgangspunkt. Die Route lieferte Eindrücke auf unterschiedlichem Gelände: Berge, Schnellstraße und Stadt.

Der erste Eindruck: Der Motor hält, was seine Leistung verspricht – nämlich Zurückhaltung. Es dauert 20, 30 Kilometer, bis man sich daran gewöhnt hat, nicht auf einem durchtrainierten Rennpferd, sondern einem ganz gewöhnlichen Pony zu sitzen. Dabei ist die Sitzposition durchaus sportlich, aber bequem und passt auf Anhieb. Die Gemütlichkeit überträgt sich bald auf den Fahrer. Von Kurve zu Kurve sinkt der Anspruch an Leistung und steigt das Vergnügen an der Lust der Leichtigkeit.

Rund und spielend fährt sich das Motorrad durch die Berge Kaliforniens. Schon bei der Mittagspause spricht keiner der Kollegen aus Südamerika, Kanada und Europa mehr über den kleinen Einzylinder, man unterhält sich über die Entschleunigung auf den zwei Rädern.