Die Abgasaffäre könnte VW noch teurer zu stehen kommen als bislang gedacht. Zusammen mit der US-Kanzlei Hausfeld hat das auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Unternehmen myRight eine Klage beim Landgericht Braunschweig eingereicht, die Auftakt für zahlreiche weitere Klagen sein soll. Ziel der Kläger ist es, den VW-Konzern auch in Europa zu Schadensersatzzahlungen an Käufer von Dieselautos zu verpflichten. Volkswagen wollte die Klage zunächst nicht kommentieren.

In der Musterklage geht es um einen Wagen vom Typ VW Eos. Die Anwälte argumentieren, dessen Betriebserlaubnis sei durch den Einbau einer verbotenen Abschalteinrichtung erloschen; der Wagen hätte nie in Verkehr gebracht werden dürfen. So seien die technischen Bescheinigungen der betroffenen Fahrzeuge wegen der Abgasmanipulation falsch und damit ungültig. Zudem sei Volkswagen beim Verkauf der Wagen nicht im Besitz der erforderlichen Typengenehmigungen gewesen, da diese durch den Einbau verbotener Abschalteinrichtungen erloschen seien. Der Kläger verlangt nun die Rücknahme seines Fahrzeugs und will den vollen Preis erstattet bekommen.

Volkswagen hatte im September 2015 auf Druck von US-Umweltbehörden zugegeben, die Stickoxidwerte von Dieselautos durch eine spezielle Software manipuliert zu haben. Weltweit sind davon rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, allein in Europa sind es rund 8,5 Millionen. Während die Kunden in den USA von VW mit Milliardensummen entschädigt werden, sollen die Käufer in Europa leer ausgehen. Experten schätzen, dass eine Entschädigung europäischer Kunden nach US-Vorbild den Konzern in Wolfsburg in den finanziellen Ruin treiben könnte.

Verbraucherschützer in Deutschland kritisieren schon lange, dass US-Kunden von VW viel großzügiger entschädigt würden als VW-Besitzer in Deutschland. Auch EU-Verbraucherschutzkommissarin Věra Jourová hat wiederholt eine Entschädigung der betroffenen Kunden in Europa gefordert. Das für Verbraucherschutz zuständige Bundesjustizministerium wollte zwar zu der aktuellen Klage keine Stellung beziehen, hatte aber in der Vergangenheit bereits wiederholt vor einer "Prozess-Industrie nach US-Vorbild" gewarnt.

Die Anwälte der US-Kanzlei Hausfeld haben jedenfalls große Erfahrung mit der Durchsetzung von Verbraucherrechten. Sie haben sich seit Jahren darauf spezialisiert und weltweit Prozesse geführt. Mit der Musterklage in Braunschweig – weitere Klagen sollen in den nächsten Tagen in Berlin und München eingereicht werden – setzen die Juristen zudem einen anderen Hebel an als etwa Anwälte, die VW oder Autohändlern in Deutschland Sachmängel oder arglistige Täuschung vorwerfen.

Sollten die Braunschweiger Richter der Argumentation von myRight folgen, könnten sich weitere Kläger anschließen. Auf diesem Weg könnte VW zur Entschädigung einer größeren Zahl von Kunden gezwungen werden. Damit wäre eine Art Sammelklage erreicht, die es in Verbraucherschutzfragen nach deutschem Recht bisher nicht gibt.

Laut myRight haben sich bereits mehr als 100.000 VW-Kunden auf der Onlineplattform registriert. Diese treten ihre Forderung an den Dienstleister ab, der gegen VW klagt. Im Erfolgsfall streicht myRight 35 Prozent Provision ein.