Die Berliner Fahrradschau (BFS) – einst eine Messe für Fixie-Fans und Kurierfahrer – hat sich zur größten Fahrrad-Lifestyle-Messe Europas entwickelt, seit Fares Hadid sie organisiert. Mit einer klassischen Messe hat die Veranstaltung in Kreuzberg wenig zu tun. Die Atmosphäre entspricht eher einem Treffen von Freunden, die an kleinen Ständen über Räder, Mode und Technik fachsimpeln.

Mittlerweile sind zwischen den vielen kleinen spezialisierten Labels auch große internationale Hersteller vertreten. Firmen wie Derby Cycle und Specialized zeigen ihre Flaggschiffe inzwischen auf der BFS, nicht mehr auf der jährlichen Leitmesse Eurobike in Friedrichshafen.

ZEIT ONLINE: Herr Hadid, als Sie die BFS 2013 übernommen haben, zeigten vor allem kleine Berliner Läden ihre Räder. Jetzt ist die Schau international aufgestellt. Wie kam es zu dem Wandel?

Fares Hadid: Von dem ursprünglichen Konzept ist nicht mehr viel übrig geblieben, das stimmt. Es sind aber immer noch sehr viele kleine Berliner Labels dabei. Ich habe damals meine Erfahrung mit innovativen Modemessen wie der Bread & Butter auf die BFS übertragen. Damals war schon absehbar, dass das Urban Cycling und die ganzheitliche Betrachtung des Fahrrads als Ausdruck eines Lifestyles zunehmend an Bedeutung gewinnen. Deshalb bieten wir heute kleinen Labels und großen internationalen Marken eine Plattform, um ihre Räder und Produkte für den Verbraucher erlebbar zu machen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

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Hadid: Den klassischen Messestand mit Beachflags gibt es auf der BFS nicht. Wir möchten, dass jeder Aussteller mit seinem Standkonzept eine Geschichte zu seinen Rädern und Produkten erzählt.

ZEIT ONLINE: Das klappt aber nicht immer.

Hadid: Wir beraten die Aussteller, aber wir können nicht für jeden ein Konzept entwickeln. Für alle, die sich auf unsere sehr spielerische Herangehensweise einlassen, klappt es hervorragend. Wir versuchen zudem, Brücken zu anderen Industrien zu schlagen wie Mode, Kunst, Architektur und Musik und den Ausstellern über deren Einflüsse zusätzliche Inspiration zu bieten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie dafür Beispiele?

Hadid: Die Berliner Lautsprechermanufaktur Klara Geist baut Soundsysteme auf Lastenräder. 2015 hat sie einen Musik-Ride während der BFS organisiert, unter dem Motto "Auf den Spuren der Berliner Clubkultur". Im vergangenem Jahr hat der Extremsportler Christoph Strasser auf dem Tempelhofer Feld einen 24-Stunden-Weltrekord aufgestellt, er fuhr fast 900 Kilometer auf einem Rad von Specialized. Parallel dazu konnten die Besucher die Specialized-Räder dort testen. Die Marke hat die Emotion, für die sie steht, erlebbar gemacht.

ZEIT ONLINE: Kleine Labels sagen, dass sie es sich nicht leisten könnten, auf der BFS auszustellen.

Hadid: Dieses Feedback bekommen wir so nicht. Unsere Stellflächen kosten weniger als bei jeder anderen renommierten Fahrradmesse. Zudem haben wir zum Beispiel seit Jahren günstigere Preise für Rahmenbauer. Wir wollen sie damit unterstützen und ihnen Synergien ermöglichen. In diesem Jahr haben wir in der Mitte der Halle beispielsweise die Kultmarke Campagnolo aus Italien postiert, die sehr eng mit dem Rahmenbau verknüpft ist. Umgeben wird sie von kleinen Manufakturen und Rahmenbauern, die allesamt gut sichtbar sind. 2017 wird es sogar erstmals eine "Berliner Rahmenbauer-Insel" geben und damit ein kultureller Hotspot für lokale Radhersteller geschaffen. Unsere Idee ist immer, dass sich die Aussteller austauschen und voneinander profitieren – egal wie groß oder klein.

ZEIT ONLINE: In der Regel sind die Ausstellerflächen kleine Boxen.

Hadid: Das klingt sehr nach Pferdestall und stimmt so nicht. Es gibt eben keine geschlossenen Einheiten wie auf anderen Messen. Die Fahrradschau ist sehr demokratisch. Wir wollen kein Standbauwettrüsten. Deshalb haben wir strikte Höhenbeschränkungen, damit kleine Marken neben großen Herstellern nicht untergehen. Alle erhalten gleich große Stellflächen. Wer mehr Platz haben will, braucht inhaltlich ein sehr überzeugendes Konzept. Die Aussteller sollen ihr Produkt in Verbindung mit einer Geschichte in den Fokus stellen, aber nicht die ganze Palette.

ZEIT ONLINE: Der Berliner Volksentscheid Fahrrad hat in den vergangenen zwölf Monaten für viel Wirbel gesorgt, auch außerhalb der Stadt. Welche Rolle spielt er in diesem Jahr auf der Berliner Fahrradschau?

Hadid: Politische Veranstaltungen gehören dazu. Wir definieren uns aber nicht darüber und lassen uns auch in keine Richtung instrumentalisieren. In diesem Jahr sind der Senat und der Volksentscheid mit jeweils einem Stand auf der BFS vertreten. Ich habe die beiden einander gegenübergestellt (grinst verschmitzt). Den Ball spiele ich aber gerne an Ulrike Saade und die VeloBerlin weiter. Verkehrspolitik ist eindeutig ihr Kompetenzbereich. Wir lassen uns lieber bei dem, was wir tun, von der Schönheit des Fahrrades inspirieren.

ZEIT ONLINE: Inzwischen machen Sie der VeloBerlin ziemlich Konkurrenz, oder?

Hadid: Es wird häufig vergessen, dass es die BFS vor der VeloBerlin gab. Nur war die BFS 2010 eher eine Nischenveranstaltung für urbane Fahrrad-Subkulturen. Ein Jahr später gab es die erste VeloBerlin. Sie verfolgt ein ganz anderes Konzept und ist damit keine Konkurrenz. Es ist eine stadtbezogene Messe, die den lokalen Händlern und Marken eine Plattform bietet, um ihre Räder auszuprobieren. Wolfgang Scherreiks vom Magazin Cycle hat uns mal die "Fahrradlifestyle-Messe für Europa" genannt. Was man bei uns sieht, fährt zwei, drei Jahre später durch die Stadt.

ZEIT ONLINE: Was sind für Sie die Fahrradtrends für dieses Jahr in deutschen Städten?

Hadid: Cargobikes sind weiterhin stark. Berlin ist inzwischen in einigen Stadtteilen eine richtige Lastenrad-Stadt. Wie waren die Ersten, die sie gezeigt haben. Auch die Nachfrage nach E-Bikes wird weiter steil nach oben gehen. Unsere Aussteller präsentieren hier nicht ihre Einsteigermodelle, sondern ihre innovativsten Produkte. Sie zeigen, wohin die Entwicklung geht.