ZEIT ONLINE: Herr Gies, in manchen Städten ist der öffentliche Nahverkehr, der ÖPNV, günstig und gut – in anderen zahlt der Bürger vergleichsweise viel für ein nicht so gutes Angebot. Wie lassen sich die großen Unterschiede erklären?

Jürgen Gies: Die Preise hängen zum einen davon ab, welche Qualität das Angebot hat, beispielsweise Taktung. Zum anderen betreibt jede Stadt ihre eigene Verkehrspolitik, die unter Umständen ganz anderen Grundsätzen folgt als die der Nachbarstadt. Davon hängt ab, welcher Stellenwert der ÖPNV hat, wie viel die öffentliche Hand dazugibt – und folglich, wie hoch die Fahrpreise sein müssen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Spielräume für einzelne Städte aufgrund der Verbundtarife, die einen großen – teilweise auch sehr großen – Raum abdecken, nur begrenzt sind.

Die Preise

In etwa zwei Dritteln der Städte wurde der Nahverkehr 2016 oder 2017 teurer. Die Karte zeigt, wo die Preise der Einzeltickets besonders angezogen haben.

Quelle: Civity © ZEIT-Grafik

ZEIT ONLINE: Das heißt, der Fahrpreis ist eher eine finanzpolitische Entscheidung als eine verkehrs- oder sozialpolitische?

Gies: Natürlich muss eine Kommune berücksichtigen, wie groß ihre Finanzkraft ist. Aber die Tarife spiegeln ebenso das Einkommensniveau in einer Region wider. Im wohlhabenden Rhein-Main-Gebiet kann man höhere Preise verlangen als etwa im Ruhrgebiet. Außerdem steht der öffentliche Nahverkehr im Wettbewerb mit dem Auto. Wo der Pkw besonders beliebt ist, muss der ÖPNV über attraktive Ticketpreise versuchen, Kunden anzulocken. Das Angebot muss natürlich auch stimmen.

ZEIT ONLINE: Die Ticketeinnahmen decken die Kosten nirgends, deshalb schießen alle Kommunen permanent Geld zu – und müssen sich entscheiden, ob sie lieber Schulen renovieren, Kitas ausbauen oder den ÖPNV stärker fördern. Unterliegt der ÖPNV da häufig?

Gies: Ob er unterliegt, ist schwer zu sagen. Aber er hat bisweilen schon einen sehr schweren Stand. Den Politikern ist oft nicht bewusst, wie sehr ein erschwinglicher und guter Nahverkehr den Menschen und Unternehmen ihrer Stadt nutzt.

ZEIT ONLINE: Steigen die Leute aufs Auto um, wenn die Verkehrsbetriebe die Preise zu sehr anheben?

Gies: Das hängt vom Autoverkehr ab. In Großstädten mit Staus und Parkplatzproblemen sind die Kunden eher bereit, auch etwas mehr für den ÖPNV zu zahlen, als in Städten, die weniger unter dem Straßenverkehr leiden. Allerdings werden Ticketpreiserhöhungen zunehmend kritisch gesehen.

Nahverkehr - "Wir sind das zuverlässigste Verkehrsmittel in Köln" Jürgen Fenske, Vorstandsvorsitzender der Kölner Verkehrs-Betriebe AG, äußert sich zur Preisgestaltung und Problemen des Unternehmens. © Foto: Zeit Online

ZEIT ONLINE: In manchen Städten kann man kostenlos jemanden mitnehmen, in anderen nicht – dazu sind die Tarifgebiete oft kompliziert in Waben und Zonen eingeteilt. Sollte das nicht vereinfacht werden, um Bus und Bahn attraktiver zu machen?

Gies: Das wäre wünschenswert, aber die Chancen dafür sind gering. Die unterschiedlichen Tarife in den zahlreichen Verkehrsverbünden spiegeln ein Stück weit wider, wie die Strukturen vor Gründung des jeweiligen Verbundes waren. Besser als eine Vereinheitlichung könnte die Digitalisierung funktionieren: Die Tarifstruktur bleibt dann zwar komplex, aber Smartphone-Apps machen den Erwerb und die Abrechnung der Fahrkarten einfacher.