Mit dem Fahrrad von der Haustür bis ins Kino, ohne ein Mal anzuhalten? In der Theorie ist das möglich. Dazu bräuchte es allerdings eine Grüne Welle für Radfahrer. In fahrradfreundlichen Städten wie Amsterdam und Kopenhagen ist sie bereits selbstverständlich. In der dänischen Hauptstadt etwa werden Radler seit Langem zu Stoßzeiten auf Hauptrouten bevorzugt, morgens auf den Routen ins Zentrum, nachmittags in der Gegenrichtung. Wer es schafft, die 22 Kilometer lange Strecke von Albertslund nach Kopenhagen mit 20 km/h zu fahren, kommt sogar ganz ohne Stopps ins Zentrum.

Auch in Deutschland interessieren sich Stadtplaner zunehmend für eine automatische Vorfahrt für Radfahrer. Schließlich haben viele Städte massive Probleme mit schlechter Luft, Stau und  fehlendem Parkraum. Sie können die Klimaziele nicht erfüllen, es drohen Geldstrafen. Ein Teil der Lösung: mehr Radverkehr. Um den Umstieg vom Auto aufs Rad zu fördern, sollen Radler es im Stadtverkehr etwas leichter haben.

Wie das gehen kann, damit hat sich Siemens beschäftigt. Das Unternehmen hat eine Smartphone-App mit dem Namen Sibike entwickelt. Die Idee: Statt einer statischen Grünen Welle wie in Kopenhagen soll die Ampelschaltung nur auf Aufforderung dem Radfahrer freie Fahrt gewähren. Laut David Borst, Produktmanager im Verkehrsmanagement bei Siemens, sollen "Fahrradfahrer signifikant bevorzugt werden, ohne Autofahrer signifikant zu benachteiligen".

München probiert die Grüne Welle aus

So funktioniert Sibike: Nähert sich ein Radfahrer mit der Sibike-App auf seinem Handy einer Kreuzung, dann schaltet die Ampel entweder innerhalb weniger Sekunden automatisch auf grün oder sie verlängert eine Grünphase um einige Sekunden. Dazu übermittelt die App über das GPS-Signal die Bewegung des Radlers mit Geschwindigkeit und Fahrtrichtung an die Verkehrsleitzentrale. Passiert der Radfahrer einen virtuellen Auslösepunkt, gibt die Leitzentrale den Befehl an die Ampelsteuerung, auf Grün zu schalten.

Im Herbst probierte Siemens in Marburg mit rund 20 Testfahrern die App im Alltagsverkehr aus. An verschiedenen Tagen fuhren sie nachmittags ein bis zwei Stunden die etwa 700 Meter lange Teststrecke mit sechs Ampeln ab. Das Ergebnis: Die Radler konnten stadteinwärts mehr Ampeln ohne Stopp passieren als ohne App, wie Borst berichtet. In der Praxis müssen die Radfahrer zurzeit auf der Strecke drei Mal halten. Mit Sibike reduziert sich die Wartezeit um mehr als 50 Prozent, das heißt etwa ein bis zwei weniger Stopps.

Eine echte Grüne Welle für Radfahrer sieht aber anders aus. Eben so wie in Kopenhagen. Wie das gehen kann, will nun München im Stadtzentrum ausprobieren. Der Stadtteil Maxvorstadt gilt in der bayerischen Landeshauptstadt als das neue Schwabing. Dort wird auf der Schellingstraße von März bis Oktober auf einem rund einen Kilometer langen Abschnitt die Grüne Welle getestet.

Die Stadt will gleich mehrere Varianten der Grünen Welle ausprobieren. Einmal sollen ausschließlich Radfahrer Vorfahrt erhalten, im zweiten Modell Radfahrer und Busse, und im dritten Versuch soll die Grüne Welle für alle gelten: Radfahrer, Busse und Autofahrer. Dabei sollen die Wechselwirkungen der Fahrzeuge untereinander untersucht werden.