Ist DB Rent ein schlechter Verlierer? Auf den ersten Blick scheint es so. 14 Jahre lang war die Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn mit ihren Call-a-Bike-Fahrrädern Platzhirsch in Berlin. Sie stellte die offizielle Leihradflotte: 1.500 Räder an 150 Standorten. Dafür bekam DB Rent Geld vom Berliner Senat. Doch im vergangenen Jahr gewann Nextbike die Ausschreibung der Stadtverwaltung. 5.000 Räder soll das Leipziger Unternehmen von April an nach und nach in Berlin aufstellen.

Das wollte DB Rent nicht hinnehmen.

Im März startete die Bahntochter ihre Offensive, mit dem Discounter Lidl als Sponsor. Gemeinsam brachten sie 3.500 Räder in die Hauptstadt. Jetzt stehen die Bikes mit den Lidl-Logos an jeder Straßenecke. Wenn Nextbike im April los legt, steigt die Zahl der Leihräder auf insgesamt 8.500 Stück. Das sind fast sechs Mal so viele wie im Vorjahr.

Nextbike ärgert die Reaktion von DB Rent. Sie kam für das mittelständische Unternehmen unerwartet. "Der massive Ausbau auf 3.500 Räder hat uns überrascht", sagt Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus. Schließlich war Berlin nicht die erste Stadt, in der die Bahntochter den Markt für Nextbike räumen musste. In den vergangenen Jahren hatte DB Rent bereits die öffentlichen Ausschreibungen in Köln, Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe verloren. Stets machte Nextbike das Rennen.

Anders als in der Hauptstadt sahen die Bahn-Verantwortlichen dort keinen Handlungsbedarf: Sie betrieben ihre Flotten einfach in der vorhandenen Größe weiter, anstatt ihr Angebot auszubauen. Das hatte Rauchhaus auch für Berlin erwartet.

Stattdessen wurde das Call-a-Bike-Angebot dort mehr als verdoppelt. Die Nextbike-Sprecherin weiß: Rein rechtlich ist das möglich. 2009 war die Situation in Hamburg genau umgekehrt. Damals hatte Nextbike die Ausschreibung des Senats verloren. Die Hansestadt wollte anschließend, dass die kleine Flotte aus 200 Nextbike-Rädern von Hamburgs Straßen verschwindet und den Weg frei macht für Call-a-Bike-Räder. Als die Leipziger nicht abziehen wollten, zog der Senat vor Gericht.

Das Verwaltungsgericht entschied jedoch: Eine Sondergenehmigung der Stadt benötigen Betreiber nur für feste Stationen. Für die sogenannten Freefloatingräder, also jene ohne feste Station, brauchen sie keine. Die Räder durften bleiben.

Berlin ist "ein extrem gutes Schaufenster"

Allerdings ist Berlin nicht mit Hamburg, Köln oder Karlsruhe vergleichbar. "Was in der Hauptstadt passiert, hat internationale Bedeutung", sagt Jörg Thiemann-Linden. Der Stadt- und Verkehrsplaner arbeitete früher in Berlin am Deutschen Institut für Urbanistik und betreibt heute in Köln ein Planungsbüro. Er erklärt: "Die geringe Motorisierung der Hauptstadt ist eine sehr besondere Situation." Die Stadt sei "ein extrem gutes Schaufenster, um neue Mobilitätslösungen auszuprobieren".

Ein so exklusives Spielfeld räumt ein großes Unternehmen nicht freiwillig. Schließlich präsentiert sich die Bahn zunehmend als multimodaler Mobilitätsanbieter, der neben Zugreisen auch andere Leistungen wie Car- und Bikesharing oder Chauffeurdienste offeriert. Vor diesem Hintergrund sind die Lidl/Call-a-Bike-Räder in Berlin ein Muss.