Eigentlich sollte es für Daimler ein Tag zum Feiern werden. Der Konzern hatte seine Aktionäre zur Hauptversammlung nach Berlin eingeladen, um eine makellose Bilanz zu präsentieren: das erfolgreichste Jahr in der Unternehmensgeschichte, Rekordverkäufe, Rekordumsatz, Rekordgewinn.

An der Dieselaffäre aber führte an diesem Mittwoch kein Weg vorbei – auch nicht für Dieter Zetsche. Schon zu Beginn seiner Rede vor den Aktionären sagte der Vorstandsvorsitzende: "Sie haben sicher auch gehört, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart letzte Woche ein Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter von Daimler eingeleitet hat." Man geht dort dem Verdacht nach, dass es auch bei Mercedes ein Problem mit manipulierten Abgaswerten und irreführender Werbung geben könnte, DIE ZEIT hatte berichtet.

Wer allerdings gehofft hatte, Zetsche würde Klarheit in die Vorgänge bei Daimler bringen, wurde enttäuscht. Stattdessen wiederholte er jene Sätze, mit denen der Autobauer schon in den vergangenen Tagen auf die Nachricht reagiert hatte: "Selbstverständlich kooperieren wir vollumfänglich mit allen Behörden. Ich möchte betonen: Weder das Kraftfahrtbundesamt noch das Bundesverkehrsministerium haben im Rahmen ihrer Messungen bei unseren Fahrzeugen einen Verstoß gegen geltendes Recht festgestellt." Immerhin lässt Zetsche erkennen, dass man auf die deutlich erhöhten Stickoxidwerte bei diversen Mercedes-Modellen nicht besonders stolz ist: Es sei "mehr als nachvollziehbar, dass Abweichungen zwischen Labor- und Straßenwerten zu vielen Fragen führen".

Es wird ein zäher Tag für Zetsche. Der sonst so charismatische Vorstandschef wirkt angespannt. Trotz der beeindruckenden Konzernzahlen gelingt ihm erst am Ende seiner Rede ein kurzes Lächeln. Und anschließend muss er sich noch stundenlang kritischen Aktionären stellen.

"Man will das totschweigen"

"Welche Belastungen können aus dem Vorwurf der Abgasmanipulationen entstehen, insbesondere in den USA? Droht ein neues Dieselgate? Haben Sie Rückstellungen gebildet? Wenn ja, in welcher Höhe?" Das möchte Ingo Speich wissen. Speich ist Portfoliomanager bei Union Investment, er vertritt die Interessen von mehr als vier Millionen Anlegern und darf auf der Hauptversammlung als erster Aktionärsvertreter sprechen. Mit seinen Fragen setzt er die Stimmung für den Tag.

Aufsichtsrat und Vorstand erklären, dass man sich zum Verfahren nicht äußern wolle. Zu den genaueren Vorwürfen der Staatsanwaltschaft Stuttgart könne man nichts sagen, weil sie dem Konzern im Detail nicht bekannt seien. Und zur Höhe möglicher Rückstellungen, mit denen der Konzern für juristische Risiken vorsorgen müsste, schweigt man "aus prozesstaktischen Gründen".

Noch hat Speich dafür Verständnis. "Die Kommunikation ist sehr defensiv. Es laufen juristische Verfahren, da ist das nicht weiter verwunderlich", sagt der Portfoliomanager ZEIT ONLINE. Jens Hilgenberg vom Verband Kritischer Aktionäre ist weniger nachsichtig. Hilgenberg hatte nachgehakt, wie der Konzern es rechtfertigen könne, dass Dieselautos nur auf dem Prüfstand Grenzwerte einhielten, auf der Straße aber schmutzig seien. Warum der Konzern Fahrzeuge zurückgerufen habe, wenn doch alles legal gewesen sein solle. "Man will das totschweigen", sagt Hilgenberg am Rand der Hauptversammlung.

"Es ist dieses Jahr etwas beschämend fürs Unternehmen"

Das aber gelingt nicht. Dreckige Diesel und eine Kartellstrafe auf dem Lkw-Markt sind das bestimmende Thema des Tages. Ein Stab von Mitarbeitern versorgt Vorstand und Aufsichtsrat mit Informationen für ihre Antwortstatements. Es sind die immer gleichen Formeln.

So bleiben viele Aktionäre ratlos zurück. Sie bekommen keine Aufklärung zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart, keine neuen Angaben zu einer Klage der Deutschen Umwelthilfe wegen des Vorwurfs der irreführenden Werbung, nichts zu den Untersuchungen der amerikanischen Umweltbehörde EPA, zu den Zivilklagen amerikanischer Autokäufer und Anleger.

Zum Ende der Diskussion sagt eine Aktionärin resigniert: "Es ist dieses Jahr etwas beschämend fürs Unternehmen." Ein bemerkenswerter Satz im finanziell erfolgreichsten Jahr der 130-jährigen Konzerngeschichte.

Zetsche übersteht den Tag, gegen 16 Uhr schließt der Aufsichtsrat die Diskussion. Anschließend entlasten die Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat. Die Fragen zum Diesel aber wird das Unternehmen so schnell nicht los. "Ich kann nur hoffen, dass Daimler jetzt schnell reinen Tisch macht", sagt Ingo Speich. "Nichts ist schlimmer, als wenn solche Vorwürfe lange gären."