Die Idee war zu gut, um ohne Umwege wahr zu werden: Die Europäische Kommission hat das Free-Interrail-Ticket drastisch zusammengekürzt. Statt jedem jungen Europäer die Möglichkeit zu geben, kostenfrei den Kontinent mit dem Zug zu bereisen, wird ein komplexes Bewerbungsverfahren eingeführt, von dem nur wenige profitieren werden.

Das ursprüngliche Konzept, das die beiden Berliner Aktivisten Vincent Herr und Martin Speer entwickelt hatten, sah vor, dass jeder Europäer zum 18. Geburtstag einen Gutschein für ein Interrail-Ticket erhält. Damit hätten alle Jugendlichen die Möglichkeit gehabt, 30 Tage lang Europa zu bereisen, fremde Menschen kennenzulernen und Vorurteile abzubauen.

Das nun von der EU-Kommission vorgestellte Pilotprojekt sieht wie erwartet statt dieser großen Lösung ein Mini-Programm vor. Ab diesem Sommer können Jugendliche einen Zuschuss von bis zu 530 Euro für Reisen durch Europa beantragen. Dafür wird ein Budget von 2,5 Millionen Euro bereitgestellt. Die Zahl der zu bewilligenden Anträge ist auf 7.000 begrenzt.

Die Auswahl der Teilnehmer erfolgt anhand von Projekten, die Klassen bei dem Schulprogramm eTwinning eingereicht haben. Bevorzugt werden soziale Projekte. Die Reise können die Schüler hinterher theoretisch auch alleine antreten. Das Pilotprojekt ist zunächst als einmalige Aktion angelegt, mit der der 30. Geburtstag des Erasmus-Programms zur Förderung von Auslandsaufenthalten an Unis gefeiert werden soll.

Auch der Fokus auf den Schienenverkehr entfällt in dem Pilotprojekt. Stattdessen sollen für die Reise über den Kontinent mehrere Verkehrsmittel genutzt werden. Grundsätzlich ausgeschlossen sind das eigene Auto sowie gemietete Busse. Doch auch allzu viele Flugreisen sind nicht drin, denn pro Person und Kilometer dürfen im Schnitt nicht mehr als 200 Gramm CO2-Emissionen anfallen. Aber immerhin führt die Kommission als mögliche Reiseziele auch die französischen Übersee-Départements Guadeloupe und Martinique auf.

"Das ist nicht das Ende von Free-Interrail"

Der Schritt hatte sich abgezeichnet. In den vergangenen Monaten hatte die EU-Kommission argumentiert, als Wettbewerbsbehörde könne sie nicht einfach ein Verkehrsmittel bevorzugen. Auch würde das kostenfreie Interrail-Ticket Kosten von bis zu 2,3 Milliarden Euro verursachen. "Ein solches Projekt ist mit den derzeitigen Finanzmitteln der EU einfach nicht realisierbar", sagte der SPD-Europaabgeordnete Jens Geier Mitte März. Wegen der hohen Kosten hatte es auch in mehreren Mitgliedstaaten Widerstand gegeben.

"Das die EU-Kommission aus so einem einfachen Vorschlag ein dermaßen komplexes Pilotprojekt macht, ist ehrlicherweise ein Armutszeugnis", kommentierten die Initiatoren der Idee, die auch auf dem Festival Z2X von ZEIT ONLINE präsentiert worden war. Das Ende für Free-Interrail sehen Speer und Herr aber nicht. "Um jede große Idee wird intensiv gerungen. Auch bei Erasmus war es damals so. Wir sind überzeugt: Das Pilotprojekt ist nicht das Ende einer revolutionären Idee."

Kritik kam auch aus dem Europäischen Parlament. "Die EU-Kommission vergibt eine große Chance", sagte der Chef der konservativen EVP-Fraktion, Manfred Weber (CSU). Ein kostenfreies Interrail-Ticket für alle Jugendlichen hätte ein "Aufbruchsignal" zum 60. Jubiläum der Römischen Verträge sein können. "Stattdessen verzettelt sich die Kommission ausgerechnet jetzt in einen verbürokratisierten Vorschlag." Auch für Weber ist die Idee damit aber nicht tot. "Wir wollen durchsetzen, dass es im Jahr 2018 einen Einstieg in die eigentliche Idee des Interrail-Tickets gibt und ein ernsthafter Betrag im EU-Haushalt vorgesehen wird."

Z2X - Diese Ideen wollen wir weiterverfolgen Ein globales Trinkgeld einführen, Flüchtlinge retten und einen Ort für politische Diskussion – diese Ideen haben die Jury und die Besucher des Festivals Z2X überzeugt. © Foto: Zeit Online