Gilt rechts vor links auch für rückwärtsfahrende Autos, oder müssen diese immer warten, bis alles frei ist?, will ZEIT-ONLINE-Leser Andreas Thom wissen.

Für diese Frage lohnt es sich, in der Straßenverkehrsordnung (StVO) die Paragrafen 1, 8 und 9 nochmals zu lesen. Paragraf 1 steckt den Rahmen ab: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht." Rückwärtsfahren ist das gewollte Fahren im Rückwärtsgang entgegen der Fahrtrichtung des fließenden Verkehrs nach hinten, so die vorherrschende Rechtsauffassung – doch wie sieht es mit den Vorfahrtsregeln aus?

Paragraf 8 StVO regelt die grundsätzliche Vorfahrtsregelung "rechts vor links". "Ein Vorfahrtsfall liegt danach dann vor, wenn sich an einer Straßenkreuzung oder Einmündung die Fahrlinien mindestens zweier Fahrzeuge, die aus verschiedenen Straßen kommen, schneiden, berühren oder gefährlich nahe kommen", erläutert der Fachanwalt für Verkehrsrecht Ulrich Kugler aus Viersen. "Die entscheidende Frage ist dabei immer, woher ein Fahrzeugführer kommt, und nicht, wohin er will."

Das bedeutet: Gilt an einer Kreuzung rechts vor links, dann steht dort die Vorfahrt nach Paragraf 8 StVO auch dem Rückwärtsfahrenden grundsätzlich zu. Er dürfe sie aber nur mit besonderer Vorsicht ausüben, schränkt Rechtsanwalt Kugler mit Blick auf Paragraf 9, Absatz 5 StVO ein. "Das bedeutet, dass für das Rückwärtsfahren äußerst hohe Sorgfaltspflichten an die Verkehrsteilnehmer gestellt werden", sagt Kugler.

Der Jurist empfiehlt, das Rückwärtsfahren auf das Notwendigste zu beschränken. Außerdem müsse der Rückwärtsfahrende darauf achten, dass er andere Verkehrsteilnehmer auf keinen Fall gefährdet. Er müsse sehr aufmerksam den rückwärtigen Verkehr beobachten und immer bremsbereit sein. Außerdem solle er möglichst weit rechts fahren. "Nur wenn der Rückwärtsfahrende diese erhöhten Sorgfaltspflichten beherzigt, gilt die grundsätzliche Regel 'rechts vor links' aus Paragraf 8 der StVO auch für ihn", betont Kugler.