Andere Länder, unverständliche Sitten. "Sag mal, warum fahren eigentlich in Berlin SUVs? Die Straßen sind doch gut geteert und keiner muss mit seinem Auto durchs Gelände." Die Frage wurde mir vor etwa fünf Jahren gestellt. Um die Verwunderung zu verstehen, muss man den Ort kennen, an dem das Gespräch stattfand: George, eine Stadt an der Küste Südafrikas, an der Garden Route zwischen Kapstadt und Port Elizabeth. Von dort kam der Mann, um in George an seinem Auto einen Kundendienst machen zu lassen.

Er fuhr also mehr als 300 Kilometer einfache Strecke in die für ihn nahegelegenste Vertragswerkstatt. Für uns ist das so unvorstellbar wie für ihn Geländewagen in Städten. Wer Südafrika kennt, weiß, dass man dort mit einem geländegängigen Auto gut fährt. Eine vernünftige Antwort auf seine Frage wusste ich nicht. Damals, 2012, waren SUVs Exoten in Deutschland. Heute wäre der Mann wahrscheinlich sprachlos: Fast jedes vierte in Deutschland zugelassene Auto ist ein SUV oder ein Geländewagen.

SUVs sind Lifestyle. Ihre Besitzer schätzen die erhabene Sitzposition hoch über den anderen. Sie sind bequem beim Ein- und Aussteigen. Und sie vermitteln Sicherheit durch ihre Größe. Doch sie kommen daher wie Panzer für die Straße. Dass ein Geländewagen auch dezent sein kann, sportlich zudem, das zeigt jetzt Alfa Romeo mit dem Stelvio. Das Auto wirkt leicht und elegant, es ist ein schöner Geländewagen. Er könnte der italienischen Traditionsmarke ordentlichen Umsatz bringen. Den hat Alfa dringend nötig und das Auto das Potenzial dazu.

Ende des Dornröschenschlafs

Jahrelang schien Alfa Romeo in einen Dauertiefschlaf gefallen zu sein. Die beiden Schräghecklimousinen Giulietta und Mito waren die einzig verbliebenen Modelle, die es zu kaufen gab. Doch die Nachfrage war äußerst gering, weil die Autos nicht gut ankamen – zumal ihr Hersteller Design und Technik leidenschaftslos pflegte. Mit der sportlichen Marke ging es steil bergab.

Doch vor zwei Jahren kündigte der Mutterkonzern Fiat an, bis 2020 gleich acht neue Modelle auf den Markt zu bringen. Eine Innovationsflut soll den Totgesagten wiederbeleben. Die Giulia, eine sportliche Limousine mit coupéhaftem Design, machte im vergangenen Jahr den Anfang. Ein echter Alfa, geschaffen fürs pure Fahrvergnügen.

Die Giulia ist die Basis für den Stelvio, das erste SUV der Marke. Sport Utility Vehicles sind ein Wachstumsmarkt, in dem nun auch Alfa mit seinem Modell hoch hinaus will. Das Stilfser Joch ist der höchste asphaltierte Gebirgspass Italiens – auf Italienisch Passo dello Stelvio – und daher nach Meinung von Alfa der einzig passende Namenspatron für das Auto. Keinem Geringeren als dem BMW X3 wollen die Italiener ebenbürtige Konkurrenten sein. Sind sie nach unseren Testfahrten zwar noch nicht, aber auch nicht weit davon entfernt.

Das zeigt sich bei der achtstufigen Automatik, mit der alle Varianten des Stelvio schalten. Mit diesem Getriebe ist Alfa am weitesten weg von BMW: Es treibt den Motor bis an den roten Bereich des Drehzahlbandes, manchmal sogar hinein. Mitunter hat man den Eindruck, es vergisst einfach hoch zu schalten. Und das Herunterschalten kommt zu früh.

Im Stelvio sitzt man höher als in der Giulia, die Bodenfreiheit ist größer. Um bei mehr Höhe die Fahrstabilität zu halten, haben die Ingenieure die Spurbreite vergrößert. So fährt sich die Geländeversion ebenso stabil wie die Limousine. Das hat Alfa gut gemacht.