Verwirrender, unfallträchtiger, zähfließender, kurz: nerviger geht es kaum noch in Europa. Der Londoner Innenstadtverkehr an einem Wochentag morgens um zehn ist ein Alptraum. Horden von eiligen Fußgängern, Baustellen, Kreisverkehre, enge Straßen, Lieferwagen und Taxis kreuz und quer – viel Stop, wenig Go. Und mittendrin: eine Oase der Entspannung für Tetsuya Iijima und seine Mitfahrer.

Der Entwicklungschef für autonomes Fahren bei Nissan sitzt nämlich am Steuer eines Elektroautos vom Typ Leaf – und macht in den 45 Minuten, die für 8 Kilometer Wegstrecke nötig sind: nichts. Das Lenkrad rührt er nicht an, auch Bremse und Gas nicht. Meist schaut er seelenruhig zum Mitfahrer neben ihm statt auf die Straße. Der Mann vertraut seinem Prototypen.

In diesem Leaf hat sein Team fast alles verbaut, was Nissan derzeit zur Verfügung hat, damit ein Auto auch durch das schlimmste Innenstadt-Gewusel kurven kann: zwölf Kameras, die rund um das Fahrzeug und bis in weite Ferne voraus den Überblick behalten, fünf Radarsysteme, die den mittleren Abstand kontrollieren, diverse Laserscanner, die auf den Millimeter genau die nähere Umgebung überwachen – und das verbunden mit einer Karte der Umgebung, die im Auto gespeichert ist. "Die ist sehr viel genauer als alle GPS-Daten für das Navi und das brauchen wir auch", sagt Iijima.

Gigantische Datenmengen

Damit beschreibt er auch schon ein erstes Problem auf dem Weg zum vollautonomen Fahren: Die Datenmengen für die Superkarten sind gigantisch – und Nissan muss sie für jeden Weg erst mal aufzeichnen. Denn die Kartenangebote von Satellitendiensten wie GPS oder Galileo oder kamerabasierten Services wie Google Street View sind zu ungenau, damit die selbstfahrenden Autos immer und überall unfallfrei, zügig und komfortabel unterwegs sind.

Genau das ist das Ziel: besser und sicherer als der menschliche Fahrer zu sein. Der ist durch sein Fehlverhalten heutzutage für neun von zehn Unfällen verantwortlich. Beim Abbiegen in das Wohngebiet Poplar gibt es dafür ein gutes Beispiel. Plötzlich wechselt neben uns ein Taxi die Spur und schneidet den Nissan bei voller Fahrt. Vollbremsung! Vom Computer, nicht von Iijima, versteht sich.

Trotzdem sieht der Mensch hinter dem Lenkrad diese und viele andere Hindernisse und Verkehrszeichen auf dem Cockpit durch farbige Symbole gekennzeichnet – ebenso die Gefahren, die von Autos, Fußgängern oder den allgegenwärtigen Fahrradboten in Londons City ausgehen. Der Leaf fährt dabei äußerst vorausschauend, sehr sanft und immer auf der Spur und Strecke, die der Computer als die schnellste und stromsparendste errechnet hat. "Kein menschlicher Fahrer würde das so effizient hinbekommen", ist sich der Nissan-Entwickler sicher.