Von außen ist es ein schlichter Verwaltungsbau in einem schmucklosen Industriegebiet. Doch hinter den dicken Backsteinmauern in der Schaflandstraße in Fellbach werden fein säuberlich sortiert mehr als 130 Jahre Geschichte und Geschichten rund ums Automobil gelagert. Hier unterhält Mercedes-Benz ein Unternehmensarchiv, das in der Branche seines gleichen sucht: 15 Regalkilometer in beinahe klinisch reinen Klimaschutzkammern. In den Regalen sind Millionen von Dokumenten mit Konstruktionsskizzen und Kassenbüchern, Aufträgen und Anzeigen aufbewahrt, die den modrigen Duft nach altem Papier und gelebter Geschichte versprühen, wenn man die säurefesten Archivkartons öffnet.

Zwischen Folianten und Aktenordnern finden sich auch zahlreiche mitunter skurrile Artefakte aus dem wechselvollen Werdegang des ältesten Autoherstellers der Welt. Das beginnt bei vielen privaten Gegenständen aus den Haushalten der Gründerväter Gottlieb Daimler und Carl Benz – Koch- und Reisetagebücher und sogar die Hausbibel –, führt über den einzigen Mercedes-Stern, der es bis auf den Mond geschafft hat, und findet bei abertausenden Tafeln mit Lackmustern noch lange kein Ende.

Mit diesem Champagner stieß die Chefetage 1998 auf die Fusion mit Chrysler an. © Daimler

Selbst Dinge, an die sich heute wohl niemand in Stuttgart mehr gerne erinnert, werden sorgfältig aufbewahrt: etwa die neun Liter fassende Champagnerflasche Pommery Brut Royal, die dem Vorstand den vielleicht schwersten Kater in der deutschen Industriegeschichte beschert hat. Denn mit dieser Salmanazar stieß das Management der damaligen Daimler-Benz AG am 12. November 1998 auf die Fusion mit Chrysler an und begoss die "Hochzeit im Himmel", aus der für Daimler eher die Hölle auf Erden wurde. Deshalb ist es fast ein Wunder, dass die von den Beteiligten signierte Flasche die Scheidung im Jahr 2007 überlebt hat und nicht irgendwann – rein zufällig, natürlich – in Scherben ging.

Akribische Notizen und regalweise Pokale

Neben detaillierten Unterlagen zu Konstruktion, Produktion und Verkauf der Fahrzeuge, bis hin zu den Auftragsbüchern mit den Lieferadressen jedes Kunden aus den ersten Jahren, nimmt der Motorsport einen der größten Teile in der Sammlung ein. Denn schon vor mehr als 100 Jahren haben sich die Schwaben akribisch auf jedes Rennen vorbereitet, alles dokumentiert und bis heute aufgehoben.

Für den Großen Preis von Frankreich 1914 in Lyon zum Beispiel schickte Daimler den Ingenieur Alfred Vischer Monate vor dem Rennen zur Begutachtung des Straßenkurses ins Nachbarland. Vischer machte seine Arbeit sehr gründlich, vermaß mit dem Winkelmesser jede Steigung und jede Kurve und kam mit einem mehrseitigen Protokoll samt Dutzender Skizzen mit Schaltpunkten und Tempoberechnungen zurück. Und mit der Aussicht, dass "bei geschickter Führung des Wagens Aussicht auf Sieg vorhanden sein sollte".

Das war gelinde untertrieben. In dem Rennen, einem der spektakulärsten aller Zeiten, standen am Ende gleich drei Mercedes-Piloten auf dem Treppchen – und die Gastgeber waren am Boden zerstört. Gerade einmal dreieinhalb Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erlitten sie ihre bis dahin schwerste Niederlage im Motorsport.

Ähnlich denkwürdig war der Sieg bei der Mille Miglia 1955. Stirling Moss fuhr das Rennen seines Lebens und stellte mit einer Zeit von 10:07:48 Stunden und einem Schnitt von 157,65 km/h einen Rekord für die Ewigkeit auf. Und war, wie man in der Sammlung nachlesen kann, sehr gut vorbereitet: Treibstoff, Feuerlöscher, stilles Wasser, Cognac, Vermouth, Schokolade, ja selbst Seife, Handtücher und die Zahl der Rollen an "Closettpapier" schrieb Rennleiter Alfred Neubauer in seinem Organisationsplan zum 1.000-Meilen-Rennen für jedes einzelne Depot entlang der Strecke detailliert nieder. Dazu taktische Anweisungen und Hinweise zum Reglement. Den Lohn solcher Mühen kann man in der Sammlung ebenfalls bewundern: Pokale füllen ganze Reihen von Regalen.