Es ist kurz nach neun. Im Trident-Autohaus im Narayanapura Village in Bangalore genießen sie die Ruhe vor dem Sturm. Noch steht das gute Dutzend Verkäufer im schmucklosen Showroom beisammen im Kreis und wünscht sich im morgendlichen Teamritual einen erfolgreichen Tag. Doch in einer halben Stunde öffnen sie die Glastüren, und der Trubel beginnt. "Seit Renault vor gut einem Jahr den Kwid auf den Markt gebracht hat, ist bei uns die Hölle los", sagt Verkäufer Pavithran, der schnell noch einen Neuwagen für die Übergabe mit Blumengirlanden schmückt. Schließlich ist der Autokauf noch etwas Besonderes in einem Land, in dem auf 1.000 Einwohner gerade einmal 25 Fahrzeuge kommen.

Zwar stehen bei ihm im Showroom auch ein Duster und ein Lodgy von Dacia sowie ein Renault Clio mit Stufenheck. Doch natürlich knüpft Pavithran die Girlanden mal wieder an einen Kwid. Der Kleinwagen ist der große Star im Renault-Programm auf dem Subkontinent. Allein Pavithran und seine Kollegen verkaufen an den drei Standorten in Bangalore 150 Kwid pro Monat und damit viermal so viele wie etwa vom bisherigen Bestseller Duster.

Aus ganz Indien kommen an guten Tagen sogar weit mehr als 1.000 Bestellungen zusammen, erzählt Designchef Laurens van den Acker. Dabei hat das Werk im südindischen Chennai nur eine Kapazität von 2.000 Fahrzeugen pro Woche. Mittlerweile sind bereits 150.000 Kwid in Indien verkauft, und Renault hat dank des Winzlings seine Zulassungen versiebenfacht – während der Markt in dieser Zeit nur um 17 Prozent zugelegt hat.

Innen überrascht der Kwid mit ungeahntem Luxus

Dass der Kwid so erfolgreich ist, liegt natürlich an seinem Preis. Als sogenanntes Budgetcar kostet er in der Basisversion umgerechnet kaum mehr als 3.500 Euro und zählt damit zu den günstigsten Autos am Markt. Aber der Erfolg habe vor allem damit zu tun, dass der Wagen nicht billig aussehe, sagt van den Acker, der den 3,68 Meter kurzen Renault mit dicken Plastikplanken vor dem Wahnsinn auf den Straßen in Delhi oder Bangalore gewappnet hat.

Aus Flops wie dem Tata Nano hat der Designchef gelernt, dass die Kunden in den Schwellenländern selbst für niedrige Preise ordentliche Autos erwarten. "Schließlich ist das die teuerste Anschaffung, die sie in ihrem Leben je tätigen werden. Darauf wollen sie zu Recht stolz sein können", sagt van den Acker. Wenn man dann auf der einen Seite mit Fahrrädern und Mofas und auf der anderen Seite mit heruntergerittenen Gebrauchtwagen konkurrieren will, müsse man den Kunden schon etwas bieten.

Von außen sieht der Viertürer auf seinen Offroad-Stelzen ebenso charmant aus wie ein europäischer Twingo, der mit einem Captur oder Dacia Duster gekreuzt wurde. Wo Konkurrenten wie der Suzuki Alto oder der Tata Nano nur blankes Blech und graues Plastik bieten, glänzt der Kwid mit Pepp. Zwar hat auch er ein paar unverkleidete Schrauben im Kofferraum, die Sitze sind dünn, das Plastik ist preiswert. Das Getriebe braucht etwas Feingefühl, Lenkung und Bremsen erfordern Weitblick, und bei kleinen Dreizylinder-Motoren mit 54 oder 68 PS darf man es nicht ganz eilig haben, was im indischen Verkehr jedoch ohnehin illusorisch ist. Aber im Grunde gibt es an dem Auto nichts auszusetzen. Mit dem sparsamsten Verbrenner in ganz Indien fährt der Kwid bei der Technik vorne mit.

Innen überrascht der Wagen die vier halbwegs bequem untergebrachten Passagiere mit einem Luxus, wie es ihn in diesem Segment sonst bei keinem anderen Hersteller in Indien gibt: Hinter dem – natürlich rechts – eingebauten Lenkrad ist ein digitales Cockpit mit riesigen Leuchtanzeigen verbaut, in der Mittelkonsole steckt eingefasst von Klavierlack ein großer Touchscreen samt Navigation, Bluetooth und USB-Anschluss, und die Sitze sind mit rotem Saum vernäht. "Spätestens da sind die Kunden hin und weg. Das kennen sie so nicht einmal aus einem Mercedes", sagt Verkäufer Pavithran.