Der private Fernzug-Betreiber Locomore hat Insolvenz angemeldet. Das teilte das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg mit. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist demnach der Berliner Anwalt Rolf Rattunde. "Leider konnten wir aktuell nicht alle unserer Verbindlichkeiten bedienen. Sowohl die Anzahl der Fahrgäste als auch die Einnahmen pro Fahrgast sind zwar kontinuierlich angestiegen, aber nicht schnell genug, um vollständig kostendeckend zu arbeiten", hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Wie Locomore mitteilte, sei außerdem ein weiterer Investor abgesprungen, dessen Engagement die Insolvenz abgewendet hätte. Eigene finanzielle Reserven seien aufgebraucht. Das Unternehmen glaube aber nach wie vor daran, "dass das Produkt Locomore eine Bereicherung für den Fernverkehrsmarkt darstellt" und hoffe, "dass es uns gemeinsam mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter gelingt, Perspektiven zur Fortführung des Locomore-Zugverkehrs zu entwickeln".  

Der Online-Ticketverkauf wurde vorläufig eingestellt. Er soll erst wieder beginnen, sobald absehbar ist, wie es mit dem Zugbetreiber weitergeht. Die Verbindung LOC 1818 an diesem Freitag von Stuttgart nach Berlin soll den Angaben zufolge aber noch planmäßig fahren.

Probleme nach verheißungsvollem Start

Im Dezember hatte Locomore seine Verbindung zwischen Berlin und Stuttgart in Betrieb genommen. Täglich fuhr ein Zug morgens von Stuttgart über Frankfurt und Hannover nach Berlin, am Nachmittag wieder zurück. Locomore verstand sich in erster Linie nicht als Konkurrent der Deutschen Bahn, sondern als weitere Alternative zu Auto, Flieger und Fernbus im Fernverkehr.

Im Januar hatte das Unternehmen angekündigt, intensive Wartungsarbeiten in den Zügen durchzuführen. So könnten "die noch zu oft auftretenden Kinderkrankheiten", etwa falsche Wagenreihungen oder defekte Toiletten, behoben werden.

In den ersten vier Wochen im Dezember und Januar nutzten Unternehmensangaben zufolge 25.000 Reisende die Fernzüge; damit erreichte Locomore sein Ziel von etwa 1.000 Fahrgästen pro Tag. Bis April konnten 70.000 Buchungen verzeichnet werden. Anfang April sagte der Geschäftsführer von Locomore, Derek Ladewig, dass das Unternehmen "mit den ersten konkreten Planungen für die weitere Expansion" beginnen werde. Im Frühjahr 2018 wollte Locomore "mit einem zweiten Zug Berlin, Dortmund, Düsseldorf und Köln verbinden".

Innovation durch Crowdfunding und Social Seating

Das Unternehmen hatte eine Basisfinanzierung in Höhe von mehr als 600.000 Euro als Startkapital per Crowdfunding im Internet gesammelt, Einzelspenden reichten bis zu 20.000 Euro. Mit dem mittelständischen Bahnvermieter SRI Rail Invest hatte Locomore neun alte Intercity-Wagen der Deutschen Bahn aus dem Jahr 1977 in den Niederlanden aufgekauft und in Rumänien lackieren lassen.

Das Unternehmen nutzte für den Zugbetrieb lediglich Ökostrom des Anbieters Naturstrom. Durch sogenanntes Social Seating – die Einteilung der Wagen in verschiedene Themenbereiche – sollten sich Menschen mit ähnlichen Interessen beim Reisen finden können.