Kohlendioxid, Stickoxide, Feinstaub – wo viele Fahrzeuge unterwegs sind, ist die Luft schnell schlecht. Besonders in den Innenstädten der Ballungszentren überschreiten die Schadstoffmengen die erlaubten Grenzen zu oft und zu weit. Die Schadstoffe lassen nach EU-Angaben europaweit Hunderttausende Menschen verfrüht sterben. Auch in Deutschland müssen die Behörden deshalb gegensteuern. Die EU-Kommission identifizierte 28 Gebiete mit Grenzwertüberschreitungen. Darunter sind die Ballungsräume Berlin, München, Stuttgart und Hamburg. Auch in Köln, Düsseldorf und fast allen größeren Städten in Nordrhein-Westfalen besteht das Problem.

Als Hauptproblem wurden die Dieselfahrzeuge erkannt. Der Dieselmotor hat seit dem Bekanntwerden der breit angelegten Manipulationen von Abgastests ein Imageproblem. Das im Talkessel gelegene Stuttgart hat bereits beschlossen, ab 2018 ältere Dieselfahrzeuge aus der City auszusperren. Betroffen sind vor allem Pendler, Handwerksbetriebe, Dienstleister. Nun erwägt auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) Fahrverbote für Diesel, um die Luft in seiner Stadt sauberer zu machen. Mit diesem Plan hat er Unruhe ausgelöst und einige Fragen aufgeworfen. Parallel läuft die Diskussion über alternative Gegenmaßnahmen.

Welche Autos wären betroffen?

Noch ist für München nichts beschlossen und niemand weiß bisher, welches Gebiet für Dieselautos gesperrt werden soll. Den Erfahrungen aus Stuttgart nach würde ein Verbot alle Dieselfahrzeuge betreffen, die nicht die Euro-6-Schadstoffklasse erfüllen – die derzeit schärfste Klasse gilt seit 2015 für alle Pkw-Neuwagen. Die allermeisten Dieselfahrzeuge, die derzeit auf der Straße sind, erfüllen diese Norm nicht.

In München mit seinen werktäglich 200.000 Pendlern dürften damit etwa 40 Prozent der Fahrzeuge nicht mehr in den gesperrten Bereich fahren. Von den 720.000 Münchner Autos sind 295.000 Dieselfahrzeuge.

In Stuttgart ist bereits beschlossen, dass ab 2018 bestimmte Straßen an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung (Feinstaubalarm) für Dieselfahrzeuge verboten sind. Ausnahmen soll es jedoch geben, unter anderem für Handwerker, Lieferdienste, Taxis. Allein in Stuttgart sind nach Angaben der Stadt 107.000 Dieselfahrzeuge zugelassen, 73.000 davon erfüllen nicht die Abgasnorm.

Umweltverbände zwingen zudem mindestens 15 weitere deutsche Städte teils gerichtlich, die Luft sauberer zu machen, darunter Düsseldorf.

Worum geht es eigentlich?

Nach Angaben der EU entfallen auf den Straßenverkehr 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Dieselautos aus, das Umweltbundesamt sieht die Diesel-Pkw als Hauptverursacher. Oder anders betrachtet: 67 Prozent aller direkten Stickoxidemissionen kommen laut Bundesamt aus dem Auspuff von Diesel-Pkw.

Das Amt hat im vergangenen Jahr in fast 50 Städten zu hohe Belastungen gemessen, häufig nur an einzelnen Plätzen und Straßen. Die zu oft überschrittenen Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) waren Anlass der Überlegungen für Fahrverbote in München. Aber auch die Feinstaubkonzentration ist ein Problem, in Stuttgart ist sie wegen der häufig überhöhten Werte ab 2018 Ursache der Fahrverbote. Auch Hamburg hat für bestimmte Straßenabschnitte Verbote beschlossen. Andernorts sind weitere in Arbeit.

Wegen hoher Luftverschmutzung sterben laut EU-Kommission in Europa jährlich 400.000 Menschen vorzeitig, wegen Stickoxiden seit 2003 etwa 70.000 Menschen. Die Behörde verpflichtete deshalb die Mitgliedstaaten, Luftreinhaltepläne zu erstellen und die Luft sauberer zu machen. Sie kann Strafen aussprechen und Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen, wenn die vorgeschriebenen Grenzen nicht eingehalten werden. Auch Deutschland droht das, derzeit läuft eine Schonfrist der EU.

In Deutschland werden die Behörden oft erst auf Druck hin konkret tätig: Die Deutsche Umwelthilfe klagte erfolgreich gegen mehrere Bundesländer, weil die Stickoxidwerte immer wieder zu hoch sind und die Länder ihrer Ansicht nach nicht genügend tun. So wurde etwa Bayern schon 2012 verpflichtet, die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide schnellstmöglich einzuhalten.

Was will die Politik, wo sind die Konfliktlinien?

Die Bundesregierung steht unter Druck, sauberere Luft in den Großstädten zu garantieren – gerade nach dem Abgas-Skandal in der Automobilindustrie. Das Umweltministerium brachte die Blaue Plakette für schadstoffarme Pkw ins Gespräch, durch die Fahrzeugen unterhalb der Euro-6-Norm die Einfahrt in bestimmte Bereiche verboten werden könnte – ähnlich der bereits bestehenden Umweltzonen. Die Bundesländer sind dafür, Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (aus dem CSU-Land Bayern, wo Audi und BMW sitzen) blockiert Fahrverbote aber. Er mahnt, den öffentlichen Nahverkehr auf Elektroantrieb umzurüsten, um das Problem für Pkw-Fahrer zu entschärfen.

Umstritten ist, ob die älteren Diesel-Pkw wirklich die Hauptverursacher der Luftbelastung sind. Denn auch Industrie, Lkw und von außerhalb in die Städte gewehter Feinstaub tragen zu den Belastungen bei. Hinzu kommt, dass auch Euro-6-Fahrzeuge im Straßenverkehr laut Umweltbundesamt weit mehr Stickoxid ausstoßen als auf dem Papier. Bei einem Diesel-A8-4.2-TDI maß die Behörde die höchsten Stickoxidemissionen aller bisher von ihr untersuchten Diesel-Pkw: Bis zu 1.938 Milligramm pro Kilometer, der Grenzwert beträgt 80 Milligramm.

Offen ist auch noch, welche Fahrzeuge als schadstoffarm im Sinne der Euro-6-Norm gelten. Denkbar ist, dass im Nachgang des Abgasskandals neu gemessen und eingestuft wird. Denn wie seitdem bekannt ist, verschmutzen Fahrzeuge aller Klassen die Luft stärker als erlaubt.

Was macht die Autolobby?

Sie hofft, Fahrverbote abwenden zu können, indem sie anbietet, Fahrzeuge auf die Euro-6-Norm nachzurüsten. Dafür kämen Fahrzeuge mit der älteren Euro-5-Norm infrage. Laut Verband der Automobilindustrie sind das bundesweit 5,92 Millionen. Das Umweltbundesamt kam auf 1.500 Euro Kosten pro Fahrzeug. Wer das bezahlen soll, ist noch offen. Die Regierung in Baden-Württemberg favorisiert einen von den Herstellern finanzierten Fonds.

Derzeit laufen die ersten Rückrufaktionen der am Abgasschummel beteiligten Hersteller. Gut möglich, dass die Konzerne Nachbesserung und Umrüstung miteinander verknüpfen.

BMW fordert seinerseits, die Städte sollten E-Mobilität und Carsharing schneller ausbauen. Der Konzern demonstriert das demnächst in Hamburg: Bis 2019 sollen dort 540 Carsharing-Elektroautos aus der unternehmenseigenen Flotte rollen, und es soll 1.100 Ladepunkte geben.

Verfällt jetzt der Wert meines Diesel-Autos rapide?

Das lässt sich noch nicht sagen, ist für Fahrzeughalter im Umland von Ballungszentren aber anzunehmen. Den Gesetzen des Marktes folgend ist anzunehmen, dass insbesondere dort ältere Diesel-Pkw schlechter weiterzuverkaufen sein werden.

Warum ist Diesel eigentlich so schmutzig und schlecht. Und zugleich so billig?

Diesel stoßen mehr Stickoxide aus als Benziner, die durch ihre Katalysatoren im Vorteil sind. Auch der Kohlendioxidausstoß ist bei Dieseln relativ höher, liegt aber durch die effizientere Verbrennung am Ende niedriger. Den Ruß- und Feinstaubausstoß haben die Dieselmotoren durch Filter in den Griff bekommen, die die Partikel sammeln und in bestimmten Abständen gezielt verbrennen.

Ein Diesel verbraucht wegen des höheren Energiegehalts des Kraftstoffs und des höheren Wirkungsgrades der Motoren weniger Sprit. An der Tankstelle ist Diesel billiger, weil er weniger stark besteuert wird. Die Kfz-Steuer für Dieselfahrzeuge ist jedoch höher als für Benziner. Deshalb ist ein Diesel insbesondere für Vielfahrer günstiger im Betrieb.