Lange hatten die Investoren Travis Kalanick gewähren lassen. Der Fahrdienst Uber, den Kalanick 2009 gegründet hatte, gedieh ja auch prächtig. Aus einem Angebot in San Francisco wurde in nur wenigen Jahren ein globaler Dienst. Heute ist Uber in mehr als 600 Städten vertreten und zählt über 1,5 Millionen Fahrer und 12.000 Mitarbeiter. Es wird mit fast 70 Milliarden Dollar bewertet und gilt damit als wertvollstes Startup der Welt.

Zugleich erwarb sich Uber aber den Ruf eines aggressiv auftretenden Unternehmens. Stets war der Erfolg, aber auch das Image des Unternehmens mit seinem Gründer verknüpft. Kalanick galt aufgrund der schnellen Wertsteigerung in der IT-Welt als Musterbeispiel: als jemand, der für sein Geschäft brennt, geradezu besessen ist. Im Silicon Valley hat man ein Faible für charismatische Firmenchefs, die Dinge neu denken, unausgetretene Pfade gehen und viel riskieren. "Travis' größte Stärke ist es, dass er mit dem Kopf durch die Wand geht, um seine Ziele zu erreichen", sagte der Milliardär Mark Cuban der New York Times. Cuban hatte Kalanick beraten. "Travis' größte Schwäche ist es, dass er mit dem Kopf durch die Wand geht, um seine Ziele zu erreichen." 

In den vergangenen Monaten dominierte die zweite Sichtweise. Dass das Unternehmen mit seiner Idee der Taxibranche gefährlich wird, liegt in der Natur der Sache. Uber geht aber weiter: Das Unternehmen dehnt rechtliche Grauzonen regelmäßig bis an die Grenze zur Illegalität aus. Zum Beispiel hält Uber die Behördenkontrolleure mit einer geheimen Software fern. US-Staatsanwälte ermitteln.

Zudem häufen sich Berichte darüber, dass die aggressive Wachstumsstrategie auch die interne Unternehmenskultur durchtränkt hatte: So rücksichtslos, wie Uber mit der Taxikonkurrenz umging, behandelte es offenkundig auch die Mitarbeiter, vor allem die weiblichen. Es entstand das Bild einer Macho-Führungsriege, die einen laxen Umgang mit Recht und Moral pflegt. Jeff Jones, den Kalanick erst im Sommer 2016 als Präsidenten zu Uber geholt hatte, bestätigte mit seinem Rücktritt nach nur sieben Monaten das Bild. "Es ist klar, dass die Überzeugungen und Ansätze, die meine Karriere bestimmt haben, nicht vereinbar sind mit dem, was ich bei Uber gesehen und erlebt habe", sagte Jones im März. Seine Erfahrungen bei Uber stünden nicht im Einklang mit seinen Maßstäben für Führungsstil.

Verwaltungsrat wollte Vollmachten beschneiden

Wichtige Investoren begannen daraufhin offenkundig, um ihre Erlöse zu bangen. Anders lässt sich der jetzige, für das Silicon Valley ungewöhnliche Schritt kaum erklären: Fünf große Investoren, die zusammen rund 40 Prozent Stimmrecht auf sich vereinen, forderten am Dienstag in einem Brief den sofortigen Rücktritt Kalanicks. Dem ist der 40-Jährige nachgekommen. Schon vorige Woche hatte er eine Auszeit von unbestimmter Dauer genommen und sie mit dem unerwarteten Tod seiner Mutter begründet. Diese war bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen. Zugleich teilte Kalanick aber mit, er wolle die Auszeit nutzen, um an sich zu arbeiten und zu dem Chef zu werden, den Uber und seine Mitarbeiter "verdienen": Er wolle als "Travis 2.0" zu einem "Uber 2.0" zurückkehren.

Das genügte den Investoren aber nicht – anders als dem Verwaltungsrat. Der hatte Kalanicks unbefristete Auszeit mit der impliziten Ankündigung einer Rückkehr mitgetragen. Berichten zufolge habe es einen internen Kampf gegeben. Eine vom Verwaltungsrat eingesetzte Untersuchungskommission hatte angesichts der Skandale Empfehlungen für eine bessere Firmenkultur erarbeitet. Ein entscheidender Schritt in dem 13-seitigen Bericht: Kalanicks Verantwortungsbereich überdenken und prüfen, welche Aufgaben anderen Mitarbeitern übertragen werden könnten – eine klare Aufforderung, die Vollmachten des egomanischen Uber-Gründers zu beschneiden. Der kam Kalanick mit seinem Rücktritt nun voraus.

Zu lang war letztlich die Liste der Skandale, die Uber in ein immer schlechteres Licht gerückt haben. Im Mai 2017 verklagte die für selbstfahrende Autos zuständige Google-Tochter Waymo den Fahrdienst Uber wegen Diebstahls von Betriebsgeheimnissen. In die Kritik geriet Kalanick auch Ende Februar 2017, als ein Video öffentlich wurde, auf dem er einen Uber-Fahrer im Streit über sinkende Fahrpreise beschimpft. Kalanick räumte daraufhin ein, er schäme sich für sein Verhalten und brauche Nachhilfe in Sachen Führungsstil.