ZEIT ONLINE: Frau Schumacher, worüber ärgern Sie sich öfter, wenn Sie mit dem Fahrrad unterwegs sind – über Autofahrer oder andere Radfahrer?

Juliane Schumacher: Eher über Autofahrer. Da führt ein Fehlverhalten in aller Regel zu einer größeren Gefahrensituation für mich, etwa wenn mich jemand mit zu geringem Abstand überholt.

ZEIT ONLINE: Was ärgert Sie besonders?

Schumacher: Vor allem Falschparker auf Rad- und Schutzstreifen – wo nicht einer nur kurz mit dem Auto anhält, um einen Mitfahrer aus dem Wagen zu lassen, sondern wo jemand parkt. Da rege ich mich jedes Mal darüber auf, dass einer auf meiner Spur steht und mich nötigt, den Streifen zu verlassen, und mich zwingt, mich in den fließenden Verkehr einzuordnen.

ZEIT ONLINE: Damit sind wir schon mitten in dem "Krieg" auf der Straße, von dem Sie in Ihrem Buch How to survive als Radfahrer schreiben. Was motiviert Sie, sich in einer Großstadt wie Berlin trotzdem ins Kriegsgetümmel zu wagen?

© Yvonne Brasseur

Schumacher: Die Wortwahl ist vielleicht etwas übertrieben. Wenn man einigermaßen aufmerksam unterwegs ist, kann man vielen kritischen Situationen aus dem Weg fahren. Ich suche mir auch regelmäßig neue Wege, auf denen der Verkehr nicht so stark ist. So lerne ich die Stadt immer wieder neu kennen. Außerdem kann ich losfahren, wann ich möchte, und muss nicht auf Bus oder Bahn warten. Selbst wenn der Verkehr bisweilen unangenehm ist, hindert mich das nicht, weil ich die Vorzüge des Radfahrens vor Augen habe.

ZEIT ONLINE: Wie nimmt man in Berlin oder Hamburg denen die Angst, die sich wegen des Verkehrs nicht aufs Fahrrad trauen?

Schumacher: Wichtig ist, einfach mal in einer ruhigen Gegend kurze Wege auf dem Fahrrad auszuprobieren – ohne Zeitdruck und ohne konkretes Ziel. Wer lange nicht auf einem Rad gesessen ist, fühlt sich oft nicht sicher. Wenn man sich aber zu sehr aufs Radfahren konzentrieren muss, ist man womöglich überfordert, auch noch auf den Verkehr ringsum zu achten. Aber wenn man dann regelmäßige Fahrten macht, dann kommt man Stück für Stück rein.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie selbst zur Fahrrad-Begeisterten gemacht, dass Sie angefangen haben, zuerst darüber zu bloggen und nun ein Buch zu schreiben?

Schumacher: Das war der Weg nach Oberschöneweide während meines Modedesign-Studiums an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Da kommt man nur umständlich hin, und die Straßenbahn ist zu bestimmten Zeiten sehr voll. Eine Kommilitonin fuhr regelmäßig mit dem Rad, und da dachte ich, das könnte ich auch mal probieren. Ich bin dann immer häufiger gefahren und habe andere kennengelernt, die noch mehr Rad fahren. Das hat mich motiviert. So kam ich letztlich auch auf mein Master-Thema Radelmädchen – Alltagstaugliche Fahrradbekleidung für Frauen mit und ohne Fahrrad. Da habe ich dann das Blog radelmaedchen.de gestartet, um eine Motivation zum Schreiben zu haben. Letztlich ging es auf dem Blog weniger um Mode, sondern um alles andere zum Thema Fahrrad.

ZEIT ONLINE: Apropos Bekleidung: Sie sind ohne Helm zum Interview gekommen. Ist der Kopfschutz kein Thema für Sie?

Schumacher: Ich besitze einen Helm und trage ihn in aller Regel in extremeren Situationen, in denen ein Sturz wahrscheinlicher ist, zum Beispiel bei Rennen. Sonst setze ich ihn eher nicht auf.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Schumacher: Fahrradhelme vermitteln ein falsches Bild, sie lassen das Radfahren gefährlicher erscheinen, als es tatsächlich ist. Tendenziell ist der Helm sogar kontraproduktiv: Studien zeigen, dass Radfahrer mit Helm oft enger überholt werden. Der Autofahrer denkt sich dann offensichtlich: Der Radfahrer wird geschützt, da muss ich weniger drauf achten. Ich will aber niemanden verteufeln, der sich mit Helm sicherer auf dem Fahrrad fühlt. Manche fahren dann allerdings auch wieder riskanter.