Ungefähr 65 Stunden im Jahr verbringen Autofahrer in Frankfurt damit, einen Parkplatz zu finden. Das geht aus einer Umfrage des Verkehrsanalyse-Spezialisten Inrix hervor. Die Firma befragte insgesamt 18.000 Autofahrer in Deutschland, Großbritannien und den USA. Unter den deutschen Metropolen liegt Frankfurt an der Spitze; in Berlin dauerte die Suche immerhin noch 62 Stunden, in Hamburg 52, in München 50 Stunden. Rund 30 Prozent des städtischen Autoverkehrs entfallen laut einer IBM-Studie von 2011 auf die Parkplatzsuche. Eine riesige Verschwendung von Zeit und Ressourcen.

Wirklich überraschend sind die Zahlen aber nicht. Wir haben uns längst an verstopfte Straßen, lange Staus, an Abgase und Motorenlärm gewöhnt. "Ich kann das alles kaum noch ertragen", sagt Stephan Rammler, "diese Umweltverpestung, die groteske Autofixierung, die kriminellen Machenschaften der Autoindustrie und dass die Politik wegschaut. Aber auch die überzogene Erwartung von Autofahrern, jederzeit und überall einen Parkplatz serviert zu bekommen. Darüber kocht in mir ein großer Zorn."

Rammler ist Professor für Transportation Design an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit der Rolle des Autos in unserer Gesellschaft, 2016 wurde er mit dem ZEIT Wissen-Preis ausgezeichnet. "Es ist unübersehbar, dass wir für die Zukunft ein völlig neues Mobilitätskonzept brauchen, das Individualverkehr und Massentransporte, Fernreisen und Radwege erfasst und effizient miteinander vernetzt", sagt Rammler.

Stephan Rammler ist Gründungsdirektor des Instituts für Transportation Design (ITD) und Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Er arbeitet in der Mobilitäts- und Zukunftsforschung, forscht zu Verkehrs-, Energie- und Innovationspolitik, Fragen kultureller Transformation und zukunftsfähiger Umwelt- und Gesellschaftspolitik. Holger Hollemann/dpa

Schon in seinem Buch Schubumkehr spielte 2014 das Auto nur noch eine Nebenrolle in einem vielfältigen System aus Mikromobilität (Fahrräder, Elektro-Dreiräder, E-Skater), Schienenverkehr mit Straßen-, U- und S-Bahn sowie Carsharing. Jetzt hat Rammler nachgelegt: In seinem neuen Buch Volk ohne Wagen ist der Ton polemischer, sind die Attacken schärfer geworden. Er hat, wie Rammler selbst einräumt, einen Radikalisierungsprozess durchgemacht. "Die seit Jahrzehnten betriebene Gehirnwäsche mit dem Auto als Freiheit verheißenden Fixpunkt ist offenbar nicht schnell zu therapieren. Wir vergiften uns selbst", sagt er angesichts der hohen Abgaswerte in den Städten. "Aber das wird stoisch hingenommen, weil die Autofixierung längst zum Normalzustand geworden ist."

Rammler ärgert die Indifferenz in der Politik. Ein Umdenken fordert er aber vor allem von der Automobilindustrie, die noch immer an den Verbrennungsmotor glaubt. Aus seiner Sicht wird die Branche gerade von zwei Seiten in die Zange genommen: einerseits von den Chinesen, die angesichts mieser Umweltbedingungen in den Städten zu einer systematischen Förderung einer eigenen Elektroauto-Fertigung übergegangen sind, andererseits von den IT-Pionieren aus dem Silicon Valley. Die Förderung der Elektromobilität in China ist mit rigiden Vorgaben für den Flottenverbrauch ausländischer Autos und hohen Steuern verbunden. Das gefährde kurz- und mittelfristig die deutschen Autoexporte, so Rammler. Der technische Fortschritt gerade beim autonomen Fahren, vorangetrieben unter anderem von Google und Apple, werde indes eher langfristig zum Tragen kommen.

Rammler fährt selbst einen e-up von Volkswagen. Ein Reichweitenproblem sieht er nicht: "Mein e-up hat eine Reichweite von 150 Kilometern, was mir für das Braunschweiger Umfeld völlig ausreicht", sagt er. Für Langstrecken und sein Pendeln nach Berlin, wo er mit der Familie lebt, nimmt er die Bahn, einen Flieger hat er seit zehn Jahren nicht mehr bestiegen.

Der vollständige Umstieg auf Elektromobilität ist für Rammler nur ein Schritt, der nicht alle Probleme sofort löst. "Eine Studie des schwedischen Umweltministeriums hat gezeigt, dass die Ökobilanz eines Tesla Model S erst nach acht Jahren günstiger als bei einem Verbrenner wird", sagt er. Verantwortlich dafür sei die Produktion des Lithium-Ionen-Akkus. "Da fallen enorm hohe Mengen von CO2 an." Deshalb könnten nicht einfach nur 40 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor gegen 40 Millionen Elektroautos ausgetauscht werden.

Von einem Verzicht auf das eigene Auto ist nur wenig zu spüren

Das Automobil hält er "angesichts der Ressourcenknappheit für ein geradezu dummes Produkt". Für den Alltag schwebt ihm ein Zusammenspiel aus öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad vor. Dank moderner Technik könnte auch auf Mobilität verzichtet werden. Warum immer hin- und herreisen, wenn Konferenzen auch per Videoschalte stattfinden können? Rammler beschreibt in seinem Buch eine fiktive Videokonferenz eines Berliner Staatssekretärs, der sich mit Kollegen in anderen Erdteilen unterhält. Als Leser fühlt man sich an den G20-Gipfel in Hamburg erinnert: Warum mussten all die Delegationen um die Welt reisen? Eine Internetkonferenz hätte ihnen die umweltschädliche Anreise erspart und den Hamburgern den Frust über einen randalierenden schwarzen Block.     

Rammler ist überzeugt: Künftig werden wir Autos nicht mehr besitzen, sondern sie nur nutzen. Carsharing, Mietfahrräder, Mitfahrgelegenheiten, öffentlicher Nahverkehr – damit werden sich die Menschen im städtischen Raum fortbewegen. Den einzelnen Bürger, der allein mit seinem Auto zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt, gibt es dann nicht mehr. Dieses Zukunftsszenario sei sehr weit vom Status quo entfernt, gibt er zu. In Rammlers schöner neuen Welt würden aber riesige Parkplatzflächen frei und stünden für Bebauung oder für Radwege, Boulevards und Parks zur Verfügung, mit einer deutlich höheren Lebensqualität.

Die Realität in Deutschland sieht anders aus: Die Urbanisierung schreitet voran, von einem Verzicht auf das eigene Auto ist nur wenig zu spüren, die Zahl der neu zugelassenen Autos wächst weiter. Rammlers Fazit ist entsprechend ernüchternd: "Dass sich meine Utopie demnächst erfüllen wird, glaube ich ehrlich gesagt nicht." Dafür bräuchte es eine Allianz aus Politikern, Kommunalbeamten und Bürgern, die sich konsequent für das beschriebene Mobilitätskonzept einsetze. Die sei aber nicht in Sicht.

Wie man sein Konzept trotzdem umsetzen könnte, hat er in seinem Buch beschrieben. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören unter anderem eine neue Straßenverkehrsordnung, die Einführung von Tempo 30 in Ortschaften und eine Citymaut. Spätestens 2030 sollen Autos mit Verbrennungsmotor komplett verboten sein. Für viele Menschen, die auf ihr Auto angewiesen sind, mögen sich die empfohlenen Maßnahmen wie Strafaktionen anhören. Rammler ist das egal, ihm geht es um das große Ganze.