Der typische Käufer eines Elektrofahrrads ist über 50, schätzt der Zweirad-Industrie-Verband. Viele ältere begeistert die Leichtgängigkeit des elektrischen Radelns in gleicher Weise, wie sie die brutale Verzögerung der hydraulischen Bremsen ängstigt. Schon mancher ist beim Umstieg von der Felgen- auf die Scheibenbremse kopfüber vom Fahrrad abgestiegen oder wegen eines blockierenden Vorderrads gestürzt, weil er zu stark am Bremshebel gezogen hat.

Darum hat Bosch ein Antiblockiersystem (ABS) für Pedelecs entwickelt. Es soll Unfälle vermeiden, indem es das Bremsverhalten optimiert. Wir haben das ABS auf der Bosch-Teststrecke in Boxberg ausprobiert.

Alles, aus dem das ABS besteht, passt locker auf einen kleinen, runden Stehtisch. Die elektronische Kontrolleinheit mit einem Behälter fürs Hydrauliköl ist das Herzstück der Technik. Daran hängen der Bremssattel mit Radgeschwindigkeitssensoren und die Bremszange für die linke Hand. Mit der wird das Vorderrad gebremst. Ebenfalls an die Kontrolleinheit angeschlossen ist die Kontrollleuchte fürs ABS. Sie zeigt an, ob das System funktioniert – wie die Kontrollleuchten im Auto. Zwei Sensorscheiben – eine für vorne, eine für hinten – messen die Geschwindigkeit der Räder.

Das komplette System wiegt gerade einmal 800 Gramm. Mehr Gewicht braucht es nicht, um sicher zu bremsen. "Etwa 500 Euro mehr wird ein Fahrrad mit unserem ABS kosten als ohne", sagt Stefan Schneider. Er ist Produktmanager für ABS bei Bosch eBike Systems in Reutlingen. Die junge Bosch-Tochter stellt für Elektrofahrräder Antriebe, Batterien, Displays, elektronische Schaltungen und nun das ABS her. Schneider ist Maschinenbauingenieur und hat vor Bosch bei einem großen Hersteller in Stuttgart Fahrräder entwickelt. Mit Zweirädern kennt er sich aus.

Weltweit das erste serienreife ABS für Pedelecs

Das ABS wirkt nur am Vorderrad. Wenn es durch zu starkes Bremsen blockiert, dann verringert das System elektronisch den Bremsdruck auf genau den Punkt vor der Blockade. Dadurch verzögert das Rad optimal. Die vom Sensor am Vorderrad gemessene Geschwindigkeit beträgt beim Blockieren null und weicht somit von der gefahrenen Geschwindigkeit, die für den Tacho gemessen wird, ab – so erkennt das ABS eine kritische Situation. "Es bremst daraufhin in Intervallen so lange, bis sich beiden Geschwindigkeiten annähern", sagt Schneider.

Ein anderer kritischer Zustand tritt ein, wenn das Hinterrad bei zu starkem Bremsen ansteigt und ein Überschlag droht. Auch in diesem Fall sind die unterschiedlichen Radgeschwindigkeiten vorn und hinten Auslöser für das ABS, den Bremsdruck in Intervallen zu mindern, bis die Sensoren annähernd synchrone Geschwindigkeit ans Kontrollsystem melden. "Wir haben gut 200 unterschiedliche Zustände für kritische Situationen im System hinterlegt", sagt Schneider. Die zwei beschriebenen aber sind die Wesentlichen.

Eigentlich ist ABS längst bekannt. Autos werden seit 2004 aufgrund einer Selbstverpflichtung der europäischen Automobilindustrie allesamt serienmäßig mit einem Antiblockiersystem ausgestattet. Für Motorräder ist ABS seit 2016 durch eine EU-Verordnung vorgeschrieben. Das Bosch-System ist aber weltweit das erste serienreife ABS für Pedelecs.

Das ABS fürs Rad verkürzt den Bremsweg

Die Einzelteile des Bosch-ABS für Pedelecs © Peter Ilg

Dass die Markteinführung bei Motorrädern und Fahrrädern im Vergleich zu Autos so lange gedauert hat, liegt an der besonderen Fahrdynamik von Zweirädern. Die sind, anders als Fahrzeuge mit zwei Spuren, instabil: Ohne Stabilisierung kippen sie. Auch das Bremsverhalten von Zwei- und Vierrädern unterscheidet sich wesentlich: Eine Blockade beider Vorderräder am Auto beeinträchtigt die Richtungsstabilität nicht, beim Zweirad führt eine Blockade des Vorderrads nahezu unvermeidbar zum Sturz.

"Die Vorderradbremse ist beim Zweirad aber entscheidend für einen kurzen Bremsweg", sagt Schneider. Die Bremsverteilung liegt im Idealfall bei 80:20, dann steht man am schnellsten. Das ABS fürs Fahrrad hilft Unfälle vermeiden, weil der Bremsweg kürzer wird. Laut der Bosch-Unfallforschung geschähe jeder vierte Pedelec-Unfall nicht, wenn alle Fahrräder damit ausgestattet wären.

Das ABS von Bosch gibt es für Pedelecs, die bis 25 km/h beschleunigen und rechtlich Fahrrädern gleichgestellt sind, sowie für S-Pedelecs. Bei denen unterstützt der Motor bis 45 km/h, diese Bikes brauchen ein Versicherungskennzeichen, für sie gilt außerdem eine Helmpflicht. Bosch bietet das ABS ab Herbst 2017 zunächst einigen ausgewählten Flottenpartnern an – das sind Dienstleister, die Pedelecs vermieten. Der Serieneinsatz für Trekking- und City-E-Bikes mit Bosch-Antriebssystem ist für Herbst 2018 vorgesehen – die meisten deutschen Hersteller von Elektrofahrrädern verwenden einen Motor von Bosch.

Beeindruckende Wirkung

"Wir wollen unsere Technologie langsam in den Markt bringen, so dass sich die Händler auf den Service vorbereiten können", erläutert Schneider die Strategie. Trekking- und City-E-Bikes seien ausgewählt worden, weil es vor allem deren Käufer seien, die ineffizient bremsen. "In der Not bremsen sie aus Angst zu stark, verlieren Kontrolle und Stabilität, stürzen oder überschlagen sich", sagt Schneider. Die beiden Elektrofahrrad-Typen werden im Gegensatz zu E-Mountainbikes überwiegend von Älteren gefahren. Außerdem stellen Trekking- und City-E-Bikes mit 80 Prozent das Gros aller Elektrofahrräder. Da kann Bosch mit starken Umsätzen rechnen.

Das ABS wirkt fabelhaft. Eine Vollbremsung auf reichlich Schotter aus der Höchstgeschwindigkeit mit 25 km/h – und das Rad bleibt absolut stabil. Beim ersten Versuch nimmt man noch für den Notfall die Füße von den Pedalen, um das eventuell fallende Rad auffangen zu können. Doch das ist unnötig. Nach der dritten Vollbremsung bleibt man einfach im Sattel sitzen.

Wir testeten das System auf unterschiedlichem Untergrund, verteilt auf einem halben Meter in kurzen Abständen: auf nassem Kopfsteinpflaster, blankem Metall, feinem Schotter und feuchtem Gras. Es ist beeindruckend, wie schnell und sicher das ABS das Fahrrad bremst und man stabil zum Halten kommt. Aus der Höchstgeschwindigkeit heraus sind es knapp vier Meter, völlig unabhängig vom Terrain.

Nach zehn, zwölf Vollbremsungen war jeder Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Systems verflogen. Hoffentlich wird ABS auch bald am Fahrrad Pflicht. Es macht Radeln deutlich sicherer.