Die Politik diskutiert im Wahlkampf über Fahrverbote und das Ende des Verbrennungsmotors. Die Kartell-Vorwürfe gegen die großen Autohersteller sind noch lange nicht ausgeräumt. Selbst die Kanzlerin sagt, sie sei "stocksauer" auf die Automobilbranche, weil die so viel Vertrauen verspielt habe. Und was machen die Autokonzerne zum Start der Automobilmesse IAA an diesem Donnerstag? Sie stellen ihre ganz großen Visionen zur Schau – beschäftigen sich aber herzlich wenig mit der Realität.

Sie hätten die Autoschau auch dazu nutzen können, um offen und ehrlich zu informieren. Sie könnten zum Beispiel demonstrieren, was nun mit aktuellen Dieselfahrzeugen passiert und wie das Softwareupdate funktionieren soll, zu dem sich die Branche jüngst auf dem Dieselgipfel durchgerungen hat. Das würde Millionen Autofahrer hierzulande sicher sehr interessieren. Oder welche Möglichkeiten der Hardwareumrüstung es darüber hinaus gibt. Diese Offenheit hätte sich mancher gewünscht. Leider vergeblich.

Eine ihrer Visionen ist nun die Elektromobilität – mal abgesehen von Robotertaxis und autonomen Fahrzeugen, die es so schnell ohnehin nicht geben wird. Die Rede ist sogar von einer ganz großen Elektrooffensive. Die soll schon bald dafür sorgen, dass E-Autos millionenfach zum Straßenbild gehören und dass die Quoten nicht mehr so lächerlich wirken wie zuletzt: Bisher stellen E-Autos hierzulande erst 34.000 von über 40 Millionen Fahrzeugen und bringen es damit gerade einmal auf einen Marktanteil von 0,7 Prozent, weltweit auf rund 1,3 Prozent. Aber bald, ja ganz bald, soll der Verkehr dank ihnen viel umweltfreundlicher rollen. Das allerdings verspricht die Branche schon seit Jahren.

Auch deutsche Hersteller haben auf der IAA die große Elektroautorevolution ausgerufen – nicht erst einmal. Schon 2013 stellte BMW zum Beispiel sein erstes E-Serienfahrzeug auf der Automesse vor, den i3. In diesem Jahr sagt der bayerische Autokonzern vollmundig mit seinem reichweitenstarken Viertürer iVision Concept sogar dem Superkonkurrenten Tesla den Kampf an. Das Problem ist nur: Während Tesla sein Massenmodell 3 ab Herbst in großen Stückzahlen auf die Straßen pressen wird, ist der neue BMW nichts weiter als – wie der Name schon sagt – ein Konzept.

Es werden noch rund drei Jahre vergehen bis zur Serienreife beim neuen BMW. Den E-Porsche, der 2015 auf der IAA zu besichtigen war, gibt es ebenfalls nicht vor 2018 zu kaufen, vielleicht erst 2019. Mercedes zeigt nach seinem E-SUV nun auch die Kompaktklasse in Elektroausführung und will zudem den Smart umpolen zur reinen Elektromarke, das aber auch erst ab 2020. Alle deutschen Autohersteller sagen, sie schraubten heftig an Stromfahrzeugen herum. Doch noch ist Tesla (fast) allein auf dem Markt.

Warum kommen so viele Hersteller nicht?

Zumindest gilt das Tesla Modell 3 als "das Wichtigste, was es derzeit zu kaufen gibt", sagt Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer. Wenn man mal von den chinesischen Marken Chery und Wey absieht, die lediglich durch Fernost rollen. Deshalb können es sich die Antreiber aus Kalifornien auch leisten, auf der Frankfurter Messe gar nicht erst präsent zu sein. Was Elon Musks Elektromarke zu bieten hat, kann man schließlich auf der Straße und in seinen Showrooms besichtigen.

Auch ein Dutzend anderer Autohersteller von Aston Martin über Chevrolet, Fiat, Mitsubishi, Nissan, Volvo und Peugeot blieben diesmal der Frankfurter Messe fern. Ob man das nun als Warnzeichen sehen kann für die großen Probleme der Branche und den Sparzwang der Wettbewerber? Oder ob es ein Hoffnungsschimmer dafür ist, dass diese Unternehmen zurzeit selber an Elektrotypen feilen, das aber lieber noch unbeobachtet von der Öffentlichkeit tun? Darüber sind Marktbeobachter uneins. Manche sagen jedoch, die viel wichtigeren Automessen fänden derzeit ohnehin woanders statt: In Shanghai nämlich, wo sich besichtigen lässt, wie Chinas E-Autohersteller von den Fahrverboten und Elektroquoten profitieren und den Stromermarkt zum Laufen bringen. Und in Las Vegas, wo alljährlich die Technikmesse CES stattfindet, die mehr und mehr zur elektronischen Leistungsschau für Fahrzeugbauer wird, die sich zunehmend mit Konzernen wie Google und Facebook vernetzen.