ZEIT ONLINE: Herr Resch, Sie leben eigentlich in der Nähe des Bodensees. Wie finden Sie die Luft hier in Berlin?

Jürgen Resch: Schlecht. Deswegen klagen wir auch auf Fahrverbote in den Innenstädten, unter anderem in Berlin.

ZEIT ONLINE: Vor zwei Jahren flogen die Abgasmanipulationen von VW in den USA auf ...

Resch: ... nachdem es zuvor 20 Jahre ein betrügerisches Automobilkartell gab, um teure Katalysatoren in den Autos zu vermeiden und damit einen zweistelligen Milliardenbetrag zusätzlich zu verdienen. Allerdings mit der Folge von jährlich Tausenden vorzeitigen Todesfällen aufgrund der Dieselabgase.

Jürgen Resch, 57, ist seit 1988 Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Die DUH hat in den vergangenen Monaten mehrere Bundesländer und Städte verklagt, weil die Grenzwerte für Stickstoffdioxide in vielen Innenstädten nicht eingehalten werden. Reschs Forderung: weitgehende Fahrverbote für Dieselautos. © Steffen Holzmann

ZEIT ONLINE: Was haben die Hersteller seit September 2015 dazugelernt?

Resch: Offensichtlich nichts.Sie möchten in Europa – anders als in den USA – sogar noch bis Ende 2023 weiter schmutzige Diesel verkaufen. Unsere Forderungen sind einfach: Ab 2018 müssen Diesel-Neuwagen auf der Straße genauso sauber sein wie im Labor. Und alle knapp neun Millionen betrogenen Halter von Diesel-Pkw müssen entschädigt werden. Entweder durch ein technisches Upgrade oder Rückabwicklung des Kaufvertrags. Die Diskussion um den schmutzigen Diesel wäre damit schlagartig beendet.

ZEIT ONLINE: Wirtschaft und Politik sehen das offensichtlich anders. Wir würden Sie gerne um eine Einschätzung zu den folgenden Zitaten bitten. "Wir brauchen moderne, effiziente und saubere Diesel und Benziner noch viele Jahre, sicher noch Jahrzehnte" – Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie.

Resch: Es gibt saubere und klimafreundliche Alternativen zum Diesel: Erdgas-, Benzin-, Hybrid- oder Elektroantriebe. Die deutschen Autokonzerne bietet diese aber kaum an.

ZEIT ONLINE: "Volkswagen hat aus dem Abgas-Skandal gelernt" – Hiltrud Werner, Vorstand bei VW für Rechtsfragen.

Resch: Volkswagen verweigert seinen europäischen Kunden ehrliche Nachbesserungen und Schadenersatz. Und wenn die DUH Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Softwareupdates äußert, geht VW mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Deutsche Umwelthilfe und mich persönlich vor. VW ist sogar so dreist, vor Gericht zu behaupten, kein einziger Diesel sei von ihnen mit einer illegalen Abschalteinrichtung ausgestattet, der Rückruf wäre eine freiwillige Maßnahme.

ZEIT ONLINE: "Hardwareupdates sind teuer und technisch enorm aufwendig. Wir müssen uns deshalb genau überlegen, ob eine solche Nachrüstpflicht für Motoren wirklich die Resultate bringt, die wir brauchen" – Angela Merkel, Bundeskanzlerin.

Resch: Das hat ihr offenbar die Industrie so aufgeschrieben. Tatsächlich ist es für den überwiegenden Teil der neun Millionen betroffenen Autos möglich, sie für je etwa 1.500 Euro nachzurüsten. Die deutschen Autobauer haben im vergangenen Jahr 36 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern gemacht. Eine Umrüstung aller betroffenen Dieselautos würde rund zehn Milliarden kosten. Das Geld ist also da. Der Politik sind nur die Profitinteressen der Konzerne wichtiger als saubere Luft.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren die Autokonzerne und Politik sehr heftig, klagen aber auf Fahrverbote in Innenstädten. Wieso sollten unwissende Kunden für die Fehler der Hersteller bestraft werden?

Resch: Das wollen wir gerade verhindern. Den Käufern wurde in der Werbung ein "sauberer Diesel" versprochen. Die Politik muss durchsetzen, dass die Hersteller dieses Versprechen halten und die Eigner nicht ein zweites Mal betrogen werden. Nur so werden diese Fahrzeuge vor Wertverlust und Fahrverboten geschützt.

ZEIT ONLINE: Die Autohersteller wirken sehr überzeugt, dass keine Fahrverbote kommen.

Resch: Die Autoindustrie hat in den vergangenen Jahren de facto durchregiert. Mir ist kein Fall erinnerlich, in dem die Kanzlerin, ihr Wirtschafts- oder Verkehrsminister nicht die Interessen der Autobauer vertreten haben. Bei den Gerichtsentscheidungen zu Fahrverboten wird sich zeigen, ob es ihnen gelingt, die Umsetzung rechtskräftiger Urteile erfolgreich zu verhindern. Bis heute jedenfalls haben wir jede einzelne Luftreinhaltungsklage gewonnen, bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof. Ich bin mir sicher: Die Fahrverbote für Dieselstinker kommen 2018.