Zum Anfang ein kleines Quiz. Zwei Zitate, beide stammen vom Präsidenten des Verbands der Deutschen Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Beide fielen auf der größten Automesse der Welt, der IAA; eines im Jahr 2015, kurz vor Bekanntwerden des Dieselskandals, das andere gestern, nach rund zwei Jahren Dieselskandal:

1.: "Der moderne Diesel gehört zu einem zukunftsfähigen und nachhaltigen Antriebsmix dazu. Die neueste Technologie zeigt, dass die Schadstoffgrenzwerte – sowohl auf dem Prüfstand als auch auf der Straße – eingehalten werden."

2.: "Der moderne Clean Diesel ist ein Saubermann. Er ist nicht nur sehr sparsam im Verbrauch, sondern weist mit der anspruchsvollen Euro-6-Norm auch äußerst niedrige Schadstoffemissionen auf."

Das erste Zitat stammt von der IAA 2017, das zweite von 2015. Doch dass auf Anhieb nicht erkennbar ist, welches Zitat aus der Zeit vor und welches aus der Zeit nach den Enthüllungen stammt, zeigt unfreiwillig das große Problem der deutschen Autoindustrie. Wie viel kann man auf ihre Ankündigungen geben, wenn sie schon in der Vergangenheit allerlei versprochen hat – was sich nachträglich als falsch herausstellte?

Was sind die Versprechen der Autoindustrie wert?

Anders gefragt: Was ist Volkswagens Versprechen wert, 80 neue Elektromodelle bis 2025 zu entwickeln? Meint Daimler es ernst, wenn das Unternehmen ankündigt, seine gesamte Smart-Flotte in den nächsten Jahren auf E-Antrieb umzustellen? Und ist BMW wirklich gewillt, ein Elektro-Coupé mit 600 Kilometer Reichweite zur Serienreife zu entwickeln?

All diese Nachrichten, verkündet anlässlich der startenden Automesse in Frankfurt, klingen gut. Sie sind ein Schritt in die richtige Richtung, hin zur Elektromobilität, weg vom Verbrennungsmotor. Entscheidend für die mobile Zukunft Deutschlands wird sein, dass diese Versprechen zu Taten werden, dass Ingenieure tatsächlich so lange tüfteln, bis sie eine Lösung gefunden haben. Oder klar wird, dass doch ein anderer Weg erfolgversprechender scheint.

So oder so: Deutschland braucht alternative, saubere Lösungen. Das können E-Autos sein, mit Wasserstoff betriebene Busse oder klimaneutrale, synthetische Kraftstoffe. Langfristig kann kein vernünftiger Mensch diese Perspektive ablehnen: So unvorstellbar Kutschen im heutigen Stadtverkehr sind, so unvorstellbar werden in hundert Jahren reine Dieselautos auf den Straßen sein.

Gefahr für Leib und Leben

In der öffentlichen Debatte um sauberen Verkehr reduziert sich das Thema häufig auf die Technik, auf Filterstärken, Emissionsgrenzen oder Harnstofflösungen. Das ist gefährlich. Denn ein zu starker Fokus auf das Technische verschleiert die eigentlichen Probleme, die hinter dem Dieselskandal stehen.

Daher in aller Klarheit: Das, was VW und andere Hersteller getan haben, verpestet unsere Luft, mehr noch als Autos dies eh schon tun. Es gefährdet Menschen – nach Schätzungen starben allein im Jahr 2015 38.000 vorzeitig wegen der Überschreitung der Grenzwerte. Und es wird weiterhin Menschenleben bedrohen.

Als im Frühjahr 2011 ein Tsunami das japanische Kernkraftwerk in Fukushima großenteils zerstörte, bewegte das viele Deutsche tief. Obwohl der Störfall keinerlei messbare Auswirkungen auf Deutschland hatte, veränderte er das Land, die Bevölkerung und die Politik. Die Physikerin Angela Merkel beschloss als Reaktion auf Fukushima den Ausstieg aus der Atomkraft, die Energiewende. Die Antiatomkraftwelle war so stark, dass sie in Baden-Württemberg den ersten und bislang einzigen Grünen in ein Ministerpräsidentenamt spülte.

Die Mobilitätswende soll nicht wie die Energiewende enden

Und heute? Profitieren die Grünen kein bisschen von den sich immer weiter auffächernden Skandalen der Automobilindustrie, in Umfragen liegt die Partei bei rund acht Prozent. Würden die Deutschen auf Wolfsburg wie auf Fukushima reagieren, müsste es das Doppelte sein.

Die Energiewende ist nach dem Enthusiasmus der ersten Monate zunehmend stecken geblieben. Bei der Verkehrswende, die Deutschlands Autobauer mit einer ernst gemeinten Elektrooffensive durchaus anstoßen könnten, sollte das nicht ein zweites Mal passieren. Dafür ist die Gesundheit der Menschen zu wichtig, dafür ist Deutschlands globale Vorbildfunktion als Autonation zu strahlend.