Kate und William sind Geschwister. Als Findelkinder wurden die beiden Steinmarder im Otter-Zentrum Hankensbüttel abgegeben, damit sie dort aufgezogen würden. Der Ort liegt in Niedersachen, von Wolfsburg aus ist man mit dem Auto in einer halben Stunde dort – wenn das Auto denn noch läuft und nicht wegen eines durchgebissenen Motorkabels liegenbleibt. Und genau hier kommen die beiden Marder Kate und William ins Spiel.  

Denn der Steinmarder ist der natürliche Feind des Autos. 2015 meldeten die Kfz-Versicherten in Deutschland mehr als 200.000 Marderschäden, Kosten für die Versicherungen: rund 63 Millionen Euro, der Wert ist seit Jahren konstant hoch. Nicht nur liegengebliebene Autofahrer fragen sich daher: Was finden die Viecher bloß an Bremsschläuchen und Stromkabeln?

Der Mann, der diese Fragen im Otter-Zentrum Hankensbüttel wissenschaftlich erforscht, heißt Hans-Heinrich Krüger. Er hat beispielsweise das Rätsel gelöst, wieso die Tiere besonders gern im späten Frühjahr zubeißen. Viele Jahre wurden Jungtiere für diesen jahreszeitlichen Anstieg verantwortlich gemacht. "Heute wissen wir, dass es die erwachsen Marder sind, die kurz vor der sommerlichen Paarungszeit höchst aggressiv ihre Laune auch an Schläuchen und Kabeln auslassen", sagt Krüger. Er ist studierter Forstwissenschaftler, hat über Stein- und Baummarder promoviert, und leitet nun in Hankensbüttel die Abteilung Tierhaltung und Tierforschung.

Auftraggeber ist die Automobilindustrie

Das Zentrum wurde von einem gemeinnützigen Verein gegründet, der sich für den Erhalt des Fischotters und der Marderartigen einsetzt. Zu der Tierfamilie gehören etwa Dachs, Iltis, Hermelin und Steinmarder. Im Publikumsbereich können die Besucher die Tiere in natürlichen Freigehegen beobachten und sie füttern.

Davon abgeschottet sind fünf Forschungsgehege mit sieben Steinmardern, darunter Kate und William. Sie werden ausschließlich gehalten, um zu erforschen, warum Marder so gerne in Autos wüten. Auftraggeber ist vor allem die Automobilindustrie, mit Universitäten gibt es gemeinsame Forschungsprojekte. Das Otter-Zentrum ist damit die einzige Einrichtung in Deutschland, in der das Verhalten von Steinmardern wissenschaftlich erforscht wird.

Marder suchen in Motorräumen Schutz

Krüger hat durch die Beobachtung der Marder gelernt, dass die Ursachen des Verbeißens unterschiedlich sind. "Marder sind extrem neugierig und versuchen alles Neue zu erkunden", sagt er. Was Menschen mit ihren Händen ertasten, dafür nutzen Marder ihre spitzen Zähne. In Motorräumen von Autos fühlen sie sich sicher, denn kein Hund kann ihnen dorthin folgen. Und wenn ihnen ein störendes Kabel auf der Suche nach einem bequemen Platz im Wege ist, wird es eben durchgebissen.

Schließlich hinterlassen sie auf ihrer Route durch das Auto Duftmarken durch Drüsen an ihren Füßen. Das erklärt, wieso Marder gerne immer wieder dieselben Autos anknabbern: Wird ein Auto nach einem Biss in einem anderen Marderrevier abgestellt, glauben die örtlichen Tiere, dass sich ein Feind in das eigene Gebiet eingeschlichen hat. Mit entsprechend schlechter Stimmung krabbelt der Marder dann in den Motorraum, sagt Krüger. "Steinmarder sind hochgradig territorial lebende Tier. Weder Männchen noch Weibchen dulden ein anderes Tier in ihrem Revier."