Jedes Jahr das gleiche Ritual: Steht die kalte Jahreszeit vor der Tür, greifen Millionen Autobesitzer zum Telefon und vereinbaren Termine mit ihren Werkstätten oder Reifenhändlern. Der Grund: Der Reifenwechsel steht mal wieder an. Die Sommergummis werden durch wintertaugliche Pneus ersetzt, die man bis zum nächsten Frühjahr fährt. Dann folgt das Wechselritual in umgekehrter Weise: Die Winterreifen werden abgeschraubt, die Sommerreifen kommen ans Auto.

"O bis O – von Oktober bis Ostern", lautet denn auch die Faustregel, mit der die Kfz-Branche an den regelmäßigen Wechsel der Sommer- und Winterbereifung erinnert. Und das aus gutem Grund: Für die Betriebe hat sich der Reifentausch in den letzten Jahren zu einem gigantischen Geschäft entwickelt. Denn seit das Bundesverkehrsministerium unter Strafandrohung vorschreibt, dass "Kraftfahrzeuge bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte" nur mit Matsch und Schnee geeigneten Reifen gefahren werden dürfen, wechseln weit über 80 Prozent aller Autobesitzer in der kalten Jahreszeit die Reifen. Zum Vergleich: Vor 25 Jahren war hierzulande im Winter nur rund jeder dritte Personenwagen mit M+S-Bereifung unterwegs.

Nur ein Drittel der Deutschen wechselt die Reifen selbst

Eine aktuelle Trendstudie der Sachverständigenorganisation KÜS macht die Dimensionen des Geschäfts mit dem halbjährlichen Räder- oder Reifentausch deutlich: Bei der Befragung gaben nur 35 Prozent der Nutzer von Sommer- und Winterreifen an, die Räder ihrer Autos selbst zu wechseln. Die große Mehrheit lässt diese Arbeiten regelmäßig in den Werkstätten oder beim Reifenhandel erledigen.

So kommen nach Schätzungen insgesamt rund 23 Millionen Personenwagen auf die Hebebühnen und bescheren der Kfz-Branche bei Umrüstkosten von jeweils 50 bis 70 Euro (Montage plus Auswuchten) einen Umsatzschub von mehr als einer Milliarde Euro – und das sowohl im Herbst als auch im Frühjahr.

Absatzplus von 20 Prozent

Doch die KÜS-Studie deckt auch einen anderen Trend auf: Um das ebenso teure wie lästige Ritual des halbjährlichen Räderwechsels zu vermeiden, entscheiden sich immer mehr Autobesitzer für Reifen, die ganzjährig gefahren werden können. Sie sollen dank spezieller Gummi-Mixturen allen wettertechnischen Herausforderungen gewachsen sein; dementsprechend bewerben die Hersteller sie auch als "4Seasons", "Cross-Climate" oder "All-Season". Das Wichtigste ist aber zweifellos das M+S-Symbol auf der Reifenflanke, das moderne Ganzjahresreifen im Sinne der StVO als wintertauglich ausweist.

Derzeit sind hierzulande laut KÜS-Studie bereits 28 Prozent der Autofahrer mit solchen Allwetterreifen unterwegs. Und die Verkaufszahlen dieser Pneus steigen weiter: Für dieses Jahr rechnen Branchenkenner nochmals mit einem Absatzplus von mehr als 20 Prozent gegenüber 2016. "Der Siegeszug der Ganzjahresreifen ist nicht zu stoppen", sagt Wolfgang Alfs, Chef des Kölner Marktforschungsunternehmens abh Market Research.

15 von 25 Ganzjahresreifen sind ungenügend

Damit vollzieht sich langsam aber sicher eine Trendwende im bundesdeutschen Reifengeschäft. Galten Ganzjahresreifen lange Zeit nur als schlechter Kompromiss, die der ADAC vor drei Jahren sogar "als große Gefahr für die Verkehrssicherheit" kritisierte, so erhalten diese Pneus bei Tests neuerdings immer bessere Noten. 

Erst kürzlich bescheinigte das Fachblatt Auto-Bild drei Allwetterreifen der Größe 205/55 R 16 "vorbildliche" Eigenschaften und sprach erstmals von einer "sicheren und preisgünstigen Alternative für Fahrzeuge bis zur Mittelklasse". Es gibt allerdings noch immer starke Schwankungen: 15 der insgesamt 25 Ganzjahresreifen, die Auto-Bild ausprobieren wollte, sortierte die Testmannschaft gleich nach der ersten Runde aus. Der Grund: "Viel zu lange Bremswege bei Nässe – ein absolutes K.-o.-Kriterium."