Als Gottlieb Daimler vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Canstatter Gartenhaus einen neuen Motor entwickelte, entstand daraus das wahrscheinlich erste automobile Start-up überhaupt – nur, dass es Anfang der 1880er Jahre natürlich noch nicht so hieß und Daimler Dreiteiler statt Kapuzenpulli trug. Diese Start-up-Mentalität seines Gründers will der Daimler-Konzern nun wiederbeleben, mit Quasi-Gründern aus der Mitarbeiterschaft und einem Haifischbecken, in dem sich neue Ideen beweisen müssen.

In der Gründerzeit war die Welt durch die Industrialisierung im Umbruch, heute heißen die Trends der Autobranche Digitalisierung, Urbanisierung oder Industrie 4.0. Denn das Geschäftsmodell der vergangenen Jahrzehnte – von einer zur nächsten Modellgeneration ein effizienteres, schnelleres und sichereres Auto zu bauen, das der Kunde dann kauft – funktioniert künftig nur noch bedingt. Ein Modellzyklus von rund sieben Jahren ist nicht mehr zeitgemäß und für strengste Emissionsvorschriften reicht die evolutionäre Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors nicht mehr aus. Und das autonome Fahren könnte das eigene Auto künftig sogar völlig überflüssig machen, wenn vor allem die Städter nur noch per Robotertaxi unterwegs sind.

Neue Ideen und Geschäftsmodelle müssen also her. Während andere Hersteller beispielsweise nach bestehenden Start-ups mit neuen Ideen zu Mobilitätsdienstleistungen fahnden, will Daimler solche Innovationen aus dem eigenen Haus generieren – durch interne Start-ups, eingebettet in den Weltkonzern.

Lab1886 – nach dem Jahr des ersten Verbrennungsmotors

Dort, wo in der Vergangenheit Projekte wie der Carsharing-Anbieter Car2go entstanden sind, wirbt man nun ganz explizit um Gründerideen aus dem eigenen Konzern. Um an den Gründungsgeist der Firmengründer zu erinnern, heißt das zuständige Innovationslabor dann auch Lab1886 – nach dem Jahr, in dem Carl Benz das erste Automobil der Welt patentieren ließ und Gottlieb Daimler seinen Verbrennungsmotor in eine Kutsche einbaute. "Wir fördern die Garagenkultur der Start-up-Szene, ihre Begeisterung und ihren Pioniergeist", sagt die globale Lab1886-Leiterin Susanne Hahn.

War die Abteilung bisher ein Thinktank, der Ideen mit externer Unterstützung umgesetzt hat, sollen im Lab1886 künftig Topmitarbeiter aus allen Bereichen des Konzerns auf Mentoren und Experten aus der Start-up-Welt treffen, gemeinsam Produkte entwickeln und bis zur Marktreife bringen. Wer eine Idee umsetzt, wird von seiner normalen Funktion freigestellt, um sechs bis zwölf Monate im Projekt zu arbeiten. Zur Seite gestellt wird dem Ideengeber ein Team aus Ingenieuren, Softwareentwicklern oder Designern.

Bestehen müssen die Ideen im Haifischbecken

Das Ziel dahinter: Wer eine gute Idee hat, muss sich bei Daimler nicht selbstständig machen, um sie zu verwirklichen. "Wir geben diesen Leuten die Möglichkeit, ihr eigener CEO zu werden – ganz ohne unternehmerisches Risiko", sagt Leiterin Hahn. Bestehen müssen die Ideen im sogenannten Shark Tank, zu Deutsch: Haifischbecken. Dort werden die Projekte von einer Jury aus dem Daimler-Topmanagement, dem Betriebsrat und externen Start-up-Experten beurteilt. Nur wer hier überzeugt, erhält die notwendige Unterstützung auf dem Weg zur Marktreife – und im Erfolgsfall eine Beteiligung am finanziellen Erfolg.

Das Innovationslabor ist an vier Standorten aktiv: Stuttgart und Berlin in Deutschland, Peking in China und Sunnyvale in den USA. Ende Mai wurden erste Ideen und Mitarbeiter in das Lab1886 aufgenommen. Ein Projekt verbessert beispielsweise das Fahrerlebnis im Auto mit Augmented Reality, ein Prototyp soll Ende des Jahres auf den US-Markt kommen. Auch bemannte Drohnen, sogenannte Urban Air Taxis, sind eine der Zukunftsvisionen, die bereits in fortgeschrittener Planung stecken.

Ein Team aus Stuttgart arbeitet an einer flexiblen Langzeitmiete für Mercedes-Fahrzeuge. Kunden können dabei während der Vertragslaufzeit zwischen verschiedenen Fahrzeugen wechseln. In der gebuchten Fahrzeugklasse – und in allen, die darunter liegen – hat der Kunde die freie Auswahl an Modellen. Wer dann auch mal eine S-Klasse ausprobieren möchte, kann das für einen Aufpreis tun. Suchen, buchen und reservieren läuft über eine App, inklusive schlüssellosem Öffnen und Verschließen des Autos. Ein Konzept, das ohne das Innovationslabor wohl kaum so schnell seinen Weg zur Serienreife finden würde – aber ohne den Konzern im Rücken ebenso kaum machbar wäre.