Geheim, geheimer, Abgaszentrum: Normalerweise lässt Volkswagen keine Fremden in den Trakt mit der höchsten Sicherheitsstufe. Schließlich werden hier alle kommenden Entwicklungen des Konzerns auf Verbrauch und Emissionen getestet. Doch Richard Preuß darf heute mal eine Ausnahme machen.

Preuß ist Chef über die 21 Prüfstände von VW, die sich der Konzern mehr als 100 Millionen Euro kosten lässt. Seine Aufgabe besteht seit einigen Monaten vor allem daraus, für Transparenz zu sorgen – und das schon im Ansatz. Denn durch die immer neuen Enthüllungen in der Dieselkrise ist nicht nur das Image von VW schwer beschädigt. Auch das Vertrauen in die Abgasnormen hat gelitten. Für Preuß ist das ein ungünstiger Zeitpunkt, denn in zehn Monaten tritt eine neue Regelung in Kraft: Ab September 2018 muss jeder Neuwagen in der EU den Verbrauch nach dem Worldwide Harmonized Light Vehicle Test Procedure (WLTP) ausweisen. Danach sollen bald Japan, Indien und Südkorea folgen.

Die Idee: Die Autos werden dann nach einem weltweit einheitlichen Testverfahren überprüft – und nicht mehr auf drapierten Testständen, die den wahren Verbrauch verschleiern. WLTP wird also neue, höhere Emissionszahlen öffentlich machen.

42 Prozent mehr Spritverbrauch als angegeben

Die neue Norm deckt damit auf, was eh schon den meisten Autofahrern klar ist: Die Verbrauchswerte in den Kaufbroschüren haben nichts mit der Realität zu tun. Erst heute stellte eine internationale Forschergruppe eine Studie vor, laut der Neuwagen im Durchschnitt 42 Prozent mehr Sprit schlucken als offiziell angegeben. Die Kluft zwischen offiziellem und tatsächlichem Verbrauch sei dabei so groß wie noch nie, heißt es von den Forschern, die auch schon den VW-Dieselskandal in den USA mit ins Rollen gebracht hatten.

WLTP soll die 42-Prozent-Lücke nun zumindest deutlich verkleinern. Zehn Jahre lang haben Ausschüsse der Vereinten Nationen die globale Norm geplant, die endlich realistischere Verbrauchsangaben bringen soll. "Schon lange vor der Abgasaffäre", wie Volkswagens Projektleiter für WLTP, Jan Dossing, sagt. Die Vorfälle haben aber sicher den Bedarf einer objektiveren Abgasmessung noch einmal verschärft.

Die neue Norm für die Prüfstand-Tests weicht an mehreren Stellen von ihrem Vorgänger NEFZ ab. Der Testparcour wurde etwa nicht einfach in Fachkreisen am grünen Tisch definiert: NEFZ machte zwar pedantische Vorgabe für Reifen, zu verwendendem Öl oder exakter Temperatur – war aber weltfremd im getesteten Geschwindigkeitsmix: Das durchschnittliche Tempo lag bei 34 Stundenkilometern, die Höchstgeschwindigkeit bei mickrigen 120 km/h für gerade einmal zehn Sekunden.

Länger fahren, weniger stehen

Bei WLTP hingegen liegen reale Nutzungsdaten ganz normaler Autofahrer aus China, den USA, Indien und Europa dem Testaufbau zugrunde. Im Unterschied zu NEFZ muss für die Typgenehmigung das Auto länger fahren (30 statt 20 Minuten), weniger stehen (13 statt 25 Prozent der Zeit), schneller unterwegs sein (131 km/h) und auch kältere Temperaturen aushalten.  

Der wichtigste Unterschied zwischen den Normen ist aber, dass es künftig nicht mehr genügt, einen allgemeingültigen Verbrauchswert für eine Kombination aus Motoren und Getrieben anzugeben. Stattdessen muss jede mögliche Kombination mit den verschiedenen möglichen Ausstattungen einzeln geprüft und genehmigt werden. Und zwar immer dann, wenn die Option den Rollwiderstand verändert, das Gewicht oder die Aerodynamik.