Ist es strafbar, wenn ich an der Ampelanlage einer Straße außerhalb einer geschlossenen Ortschaft als Fußgänger bei Rot die Straße überquere, wenn weit und breit kein Fahrzeug zu sehen ist? Die Straße ist in beide Richtungen mindestens 100 Meter überschaubar. Wenn es strafbar sein sollte – wo bleibt dann der gesunde Menschenverstand?, will ZEIT-ONLINE-Leser E.L. Glock wissen.

An der Kreuzung einer einsamen Landstraße nähert sich weit und breit kein Auto, nur ein einzelner Fußgänger wartet an einer roten Ampel. In vielen anderen Ländern gilt solches Warten als typisch deutsch – aber kann man die Straße denn einfach überqueren? "Grundsätzlich macht sich der Fußgänger in einem solchen Fall nicht strafbar, wenn er einfach geht", sagt der Fachanwalt für Verkehrsrecht Andreas Krämer aus Frankfurt am Main. 

Erlaubt ist das Überqueren einer roten Ampel dennoch nicht, es wird als Ordnungswidrigkeit angesehen und mit einem Bußgeld von fünf Euro geahndet. Dafür müsste allerdings die Polizei den Vorfall beobachten.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Fußgänger freie Sicht nach rechts und links hat und deshalb vollkommen gefahrlos die Straße überqueren kann. "Verkehrsregeln sind nun mal nicht in die Disposition der Verkehrsteilnehmer gestellt", sagt Krämer. Allerdings werde es in der Praxis meistens bei einer mündlichen Ermahnung durch einen zufällig anwesenden Polizisten bleiben, so der Rechtsanwalt.

Ampeln an selten befahrenen Kreuzungen wurden vermutlich zum Schutz von Fußgängern installiert, damit sie sicher über die Straße kommen. "Sollte sich der Fußgänger aber bei der Entfernung oder Geschwindigkeit von Autos verschätzen, geht dies zu seinen Lasten", sagt Krämer. Neben den schweren möglichen Unfallfolgen kommt eine bescheidene Geldbuße von zehn Euro hinzu. Im schlimmsten Fall kann das unachtsame Überqueren der Straße an einer roten Ampel aber auch als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr strafrechtlich geahndet werden.

Anders sieht es für einen Pkw-Fahrer aus. "Auch ihm wird von der Rechtsordnung nicht zugebilligt, selbst entscheiden zu können, ob die rote Ampel, die ihn am Weiterfahren hindert, in der momentanen Verkehrssituation sinnvoll ist oder nicht", sagt der Jurist. Die Strafe für ungeduldige Autofahrer: ein erhebliches Bußgeld und zwei Punkte in Flensburg. Zeigte die Ampel beim Überfahren bereits länger als eine Sekunde Rot an, droht zudem ein Fahrverbot von einem Monat.