Im Herbst fahre ich gerne durch die Dörfer des Hunsrück, doch leider erlebe ich es immer wieder, dass zur Erntezeit viele Traktoren unterwegs sind. Darf man diese langsamen Fahrzeuge immer überholen?, will ZEIT-ONLINE-Leser Henning Schulte wissen.

Grundsätzlich gelten für das Überholen von Traktoren dieselben Regeln wie bei allen anderen Fahrzeugen. In der Straßenverkehrsordnung heißt es dazu: "Überholen darf nur, wer übersehen kann, dass während des ganzen Überholvorgangs jede Behinderung des Gegenverkehrs ausgeschlossen ist."

Eine weitere Voraussetzung außerdem: Überholen darf nur, wer mit wesentlich höherer Geschwindigkeit unterwegs ist. "Gibt es kein Verkehrszeichen mit Überholverbot, gilt dieser Paragraf daher grundsätzlich auch für das Überholen von Traktoren", sagt Nicolas Eilers, Fachanwalt für Verkehrsrecht aus Groß-Gerau.

Allerdings gibt es in vielen ländlichen Gegenden häufig unter dem Überholverbotszeichen Ergänzungen, die es erlauben, Traktoren trotzdem zu überholen. "Das betrifft nur Traktoren mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h, was in der Regel durch ein Schild am Traktor klar wird", sagt Eilers. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Andere Fahrzeuge, die sehr langsam fahren, dürfen nicht überholt werden – beispielsweise Elektroautos.

Ein Überholverbot besteht bei unklarer Verkehrslage, wenn beispielsweise ein Traktorfahrer auf freier Strecke plötzlich den Blinker betätigt. Eine unklare Verkehrslage kann auch vorliegen, wenn ein Traktor sich einem Feldweg nähert und deutlich die Geschwindigkeit reduziert, was immer auf ein mögliches Abbiegen schließen lässt, sagt Eilers.

Gerade auf einer Landstraße muss immer damit gerechnet werden, dass ein Traktor unerwartet in Feldwege abbiegt, die der Überholwillige nicht sehen kann. Das macht das Überholen von Traktoren gefährlich, und es kommt dabei häufig zu Unfällen. "In aller Regel trifft bei einem solchen Unfall beide Beteiligten eine Mitschuld, sodass auch der Überholende nicht sicher mit vollem Schadenersatz rechnen kann", sagt Eilers. Sein Rat daher: Im Zweifel sollte man lieber in Kauf nehmen, etwas später ans Ziel zu kommen, als ein lebensgefährliches Überholmanöver zu riskieren.