Heller, weiter, sparsamer – nach diesen Vorgaben arbeiteten die Lichtexperten der Autohersteller in den letzten Jahren und erzielten buchstäblich sichtbare Fortschritte: Mit Kurven-, Autobahn- und Abbiegelicht wurden die Scheinwerfer so perfektioniert, dass sie sich automatisch an verschiedene Fahrsituationen anpassen. Ingenieure haben außerdem die Xenon-, Bi-Xenon- und LED-Technik entwickelt, die deutlich heller sind als die herkömmlichen Halogenlampen und obendrein auch weniger Energie verbrauchen. Bringt es ein H7-Scheinwerfer mit 55 Watt Leistung auf einen Lichtstrom von 1.200 bis 1.500 Lumen, so lassen sich mit der Xenon- und LED-Technik Werte von bis zu 3.000 Lumen erreichen. Zum Vergleich: Eine 60-Watt-Glühlampe kommt auf rund 750 Lumen.

Doch die neuen "High-Performance"-Scheinwerfer bieten nicht nur Vorteile. Zwar sorgen sie einerseits für eine bessere Ausleuchtung der Fahrbahn und verbessern dadurch die Fahrsicherheit bei Dunkelheit. Doch andererseits birgt das helle Licht auch Risiken, weil es den Gegenverkehr zu stark blendet. Wie groß dieses Problem ist, zeigen die Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag des Brillengläserherstellers Zeiss. Knapp 80 Prozent der deutschen Autofahrer gaben an, von Xenon- und LED-Scheinwerfern geblendet zu werden.

Für einen kleinen Moment lang blind

Mediziner wie Bernhard Lachenmayr, Sprecher der Verkehrskommission des Bundesverbands der Augenärzte, beobachten die lichttechnische Aufrüstung der Autos mit Sorge. Zwar seien dadurch keine Augenleiden zu befürchten. Doch das helle Licht bewirkt nach Angaben des Münchener Arztes, dass Autofahrer für Sekundenbruchteile nichts mehr sehen können. "Für den, der entgegenkommt, wird es finstere Nacht", sagte Lachenmayr vor einigen Monaten und betonte, dass die Dauer dieses Blind-Effekts je nach Alter zunimmt. Bei 60- bis 70-jährigen Autofahrern könne es vorkommen, dass ihr Sehvermögen durch die Blendung bis zu zwei Sekunden lang gestört wird. Immerhin: In dieser kurzen Zeit legt das Auto bei Tempo 100 rund 56 Meter zurück.

Für die Augenärzte liegt das Hauptproblem vor allem an der stetigen Verkleinerung der Scheinwerfer. Maßgebend sei die sogenannte Leuchtdichte, die anhand der Lichtstärke und der beleuchteten Fläche berechnet wird. Denn: Je kleiner die Lichtquelle, desto höher die Blendung. Deshalb sind vor allem die modernen LEDs problematisch, weil sie punktförmig strahlen und auf kleinstem Raum eine deutlich höhere Leuchtdichte erzeugen als herkömmliche Halogen-Glühlampen, deren Licht durch Reflektoren verteilt wird.

Aber auch die Lichtfarbe spielt bei dem Blendeffekt eine wichtige Rolle. Während Halogenlampen ein eher warmes, angenehmes Licht emittieren, haben Xenon- und LED-Scheinwerfer eine höhere Farbtemperatur. Sie entspricht annähernd dem Tageslicht, das wird in der Nacht oft als störend empfunden. Man kneift also die Augen zu, obwohl sie bei Dunkelheit eigentlich weit geöffnet sein sollten, um mehr Licht ins Auge zu lassen und besser sehen zu können.

Der Gesetzgeber ist mitverantwortlich für den Blendeffekt

Schuld an der gefährlichen Blendwirkung moderner Scheinwerfer hat aber auch der Gesetzgeber. Mussten die Autohersteller ihre Modelle bisher mit einer Leuchtweitenregulierung ausstatten, die den Neigungswinkel der Scheinwerfer automatisch an den Beladungszustand des Wagens anpasst und dadurch die Blendung des Gegenverkehrs vermindert, so gilt diese Vorschrift ausgerechnet für die hellen LED-Scheinwerfer nicht mehr. Unter "Sonstige Vorschriften" findet man in der aktuellen Fassung der für die Zulassung von Autoscheinwerfern maßgeblichen ECE-Regelung 48 plötzlich einen Passus, der "LED-Module" von den "Vorschriften hinsichtlich der vertikalen Neigung der Abblendscheinwerfer" ausnimmt.

Es ist zweifellos eine sehr industriefreundliche Regelung, denn dadurch können die Autohersteller Millionenbeträge für die teure Pflichtausstattung ihrer Modelle mit Leuchtweitenregulierungen sparen. LED-Scheinwerfer verkaufen sie aber trotzdem als teure Extras und verlangen dafür Mehrpreise von bis zu 1.200 Euro. Der ADAC spricht deshalb von einer "ärgerlichen Preispolitik": "Wer die Leuchtweite der Scheinwerfer – etwa bei vollbeladenem Auto – nicht richtig justiert, gefährdet immer den Gegenverkehr. Und das nur, weil die Hersteller ein paar Euro sparen wollen?", kritisiert der Autoclub die unverständliche Ausnahmeregelung in der ECE-Richtlinie.