Wenn es Nacht wird in Deutschland, steigt das Unfallrisiko auf den Straßen und Autobahnen erheblich: Denn nachts ereignet sich mehr als jeder dritte Verkehrsunfall mit Personenschaden – und das, obwohl sich das Verkehrsaufkommen nach Einbruch der Dunkelheit um rund zwei Drittel verringert. Laut Statistischem Bundesamt starben 2016 bei Kollisionen in der Dämmerung und bei Dunkelheit 1.069 Menschen – das waren 33 Prozent aller Verkehrstoten dieses Jahres. Bei den Unfällen mit schwerem Sachschaden beträgt der Anteil der Nachtkollisionen sogar rund 37 Prozent.

Die offizielle Statistik liefert nur wenige Informationen über die Gründe dieser Unfälle. Alkoholkonsum und zu hohes Tempo werden als häufige Ursachen genannt, doch damit allein lassen sich die weit über 100.000 schweren Karambolagen nicht erklären, die jährlich in der Dunkelheit passieren. Es steckt mehr dahinter. Unfallforscher sprechen von "optischen Wahrnehmungsproblemen", die inzwischen bei jedem zweiten Nachtunfall eine Rolle spielen sollen, und weisen damit auf ein medizinisches Phänomen unserer Gesellschaft hin: schlechtes Sehvermögen.

"Wir gehen davon aus, dass jeder fünfte Autofahrer Nachtsehstörungen hat", sagt Kerstin Kruschinski vom Kuratorium Gutes Sehen e.V. (KGS). Die Zahlen des KGS, die auch der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) als "gesicherte Daten" bezeichnet, bedeuten immerhin, dass hierzulande bis zu 7,5 Millionen Menschen mit dem Auto unterwegs sind, die im Dunkeln nicht richtig sehen können.  

Zwar liegt die Vermutung nahe, doch von diesen Defiziten sind keineswegs nur Senioren betroffen. Bereits in der Gruppe der 50- bis 59-jährigen Verkehrsteilnehmer sind nach Angaben des Verbands der Augenärzte rund 11,5 Prozent aller Verkehrsteilnehmer nachts nicht mehr fahrtauglich. Der ADAC warnt sogar schon ab dem 40. Lebensjahr vor "ernstzunehmenden Augenerkrankungen, die eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr gefährden können". Das Problem: Die Mehrzahl dieser Sehstörungen entwickeln sich im Laufe der Jahre nur langsam und werden deshalb oft nicht wahrgenommen. Die Betroffenen beurteilen ihr Sehvermögen subjektiv als gut – und fahren ins Risiko. 

Riskante Blindfahrt

Mediziner warnen deshalb auch vor dem weitverbreiteten Irrtum, nur das Sehvermögen bei Helligkeit zu bewerten und daraus Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit der Augen in der Dunkelheit zu ziehen. "Hier handelt es sich um zwei völlig verschiedene Sehfunktionen, die getrennt geprüft und bewertet werden müssen", erklärt der Münchener Augenarzt Bernhard Lachenmayr. Mit anderen Worten: Wer tagsüber gut und scharf sieht, benötigt nicht selten eine spezielle Brille, um nachts sicher Auto fahren zu können. Schuld daran trägt die sogenannte Nachtkurzsichtigkeit (Nachtmyopie), von der viele normalsichtige Menschen betroffen sind, ohne es zu wissen. Tagsüber sehen sie scharf und deutlich, doch nachts haben sie große Schwierigkeiten, entfernte Objekte zu erkennen. "Wer solche Auffälligkeiten an sich beobachtet, sollte unbedingt zum Augenarzt gehen", raten die Experten des Kuratoriums Gutes Sehen.

Bei Dunkelheit den Überblick über das Verkehrsgeschehen zu behalten, den Straßenverlauf und dunkel gekleidete Fußgänger rechtzeitig zu erkennen, stellt nach Ansicht von Augenarzt Lachenmayr bereits junge Menschen mit gesunden Augen vor große Herausforderungen. "Hier werden schnell die Grenzen der physiologischen Wahrnehmungsfähigkeit erreicht, was aber nur wenigen Verkehrsteilnehmern bewusst ist", schreibt der Vorsitzende der Verkehrskommission der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft in einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt und nennt die extrem großen Kontrastunterschiede als Grund für die hohe Beanspruchung der Augen bei Nachtfahrten. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von der Leuchtdichte: Werden tagsüber Leuchtdichten zwischen rund 100 und 13.000 Candela pro Quadratmeter (cd/m²) – zum Beispiel bei Ausfahrt aus einem Tunnel ins Sonnenlicht – erreicht, so treten in der Nacht weitaus größere Unterschiede auf, an die sich die Augen blitzschnell gewöhnen müssen. Sie reichen laut Lachenmayr von 0,01 cd/m² beim Erkennen dunkler Objekte bis 11.000 cd/m², die durch das Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden Autos verursacht werden.

Gesunde Augen reagieren relativ schnell auf solche Kontrastunterschiede und passen sich an. Beginnen jedoch Hornhaut, Linsen oder Glaskörper sich einzutrüben, gelingt diese Adaption nur noch eingeschränkt. Das Sehvermögen in der Dämmerung lässt in solchen Fällen manchmal so stark nach, dass Autofahrer buchstäblich halb blind durch die Nacht fahren und oft krampfhaft versuchen, ihre Sehdefizite durch langsameres Tempo zu kompensieren.